Kamingespräch

Dieter Bingen unterhielt sich beim „Gespräch am Kamin“ am 22. April 2008 in Hamburg mit Alt-Kanzler Helmut Schmidt über dessen Verhältnis zum östlichen Nachbarn, ausgehend von Schmidts erster Polenreise im Jahr 1966. Ausführlich sprachen sie über Schmidts Polenpolitik als deutscher Bundeskanzler (1974-1982) auf dem Hintergrund des Warschauer Vertrags von 1970 und des Helsinkiprozess nach 1975, die die Anerkennung der Grenzen der Nachkriegsordnung zur Folge hatten.

Der Doku-Sender Phoenix sendete am Sonntagabend, 27. April 2008 um 17 Uhr die Aufzeichnung eines „Gesprächs am Kamin“ mit dem Thema Deutschland – Polen – Europa. Es sprachen miteinander der Direktor des Deutschen Polen-Insituts (DPI) in Darmstadt, Prof. Dr. Dieter Bingen, und Bundeskanzler a. D., Helmut Schmidt, der selbst von 1995 bis 1999 Direktor dieses Instituts gewesen war.

Obwohl sich Helmut Schmidt stets stark für die polnischen Interessen eingesetzt hat, distanzierte er sich gegenüber einer „deutsch-polnischen Interessengemeinschaft“ in der aktuellen Europapolitik, auf die er von Dieter Bingen angesprochen wurde. Er führte als Beispiel den schwelenden Konflikt zwischen Russland und Georgien an, bei dem sich Polen offen auf die Seite Georgiens stellt. Damit wolle er nichts zu tun haben, sagte Schmidt.

Deutsche kennen die Geschichte Polens nicht

Helmut Schmidt sprach sich im deutsch-polnischen Verhältnis für eine Bewältigung der traditionellen Ressentiments auf beiden Seiten gegenüber dem jeweiligen Nachbarn aus. Gleichzeitig warf er der deutschen Seite vor, sie wisse fast nichts über die polnische Geschichte… Ein Vorwurf, der auf dem Hintergrund der allgemeinen Geschichtsvergessenheit in Deutschland an Schärfe verliert. Viele Deutsche kennen nicht einmal die eigene Landesgeschichte. Welcher deutsche Schüler lernt heutzutage – abgesehen von den „Weberaufständen“, die Nobelpreisträger Gerhardt Hauptmann berühmt gemacht hatte – etwas über die schlesische Geschichte, die über 700 Jahre lang Teil deutscher Geschichte war?

Helmut Schmidt auf jeden Fall kennt sie nicht, denn sonst hätte er nicht kritiklos den polnischen Politiker Edward Gierek (1913-2001) zitiert, den er zwar nicht als „politischen Freund“ betrachtet, ihn aber gegenüber Dieter Bingen als „ehrlich und aufrichtig“ bezeichnete. Gierek hatte offenbar in Bezug auf Oberschlesien einmal behauptet: Wenn es Euch Deutschen gut ging, waren alle (Oberschlesier) Deutsche, wenn es uns Polen gut ging, waren alle Polen…

Das entspricht nicht der historischen Wahrheit. Die Volksabstimmung in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg, als es Deutschland definitiv schlecht ging, machte die Zugehörigkeit Oberschlesiens zu Deutschland „geschichtsnotorisch“, wie Dr. Herbert Hubka (1915-2006) in seinem Buch „Schlesisches Credo“ dargelegt hatte. Etwa 60% der Stimmberechtigten sprachen sich für den Verbleib bei Deutschland aus – und das obwohl unter starkem antideutschen Druck zur Abstimmung nur die als doppelsprachig geltenden Gebiete Oberschlesiens herangezogen worden waren, um den polnischen Sieg von vorneherein zu sichern.

  • Deutsches Polen Institut, Darmstadt, http://www.deutsches-polen-institut.de/Termine/archiv.php?we_objectID=2745&pid=1409 (abgerufen am 27.04.2008)
  • Phoenix, TV-Sender, http://www.phoenix.de
  • Hupka, Herbert: Schlesisches Credo. Reden, Aufsätze und Dokumente aus zwei Jahrzehnten, Langen Müller Verlag, München 1986, S. 155-159.

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