Wir Nachgeborenen
Wir nachgeborenen Heimatvertriebenen sind die letzten Opfer des Zweiten Weltkriegs und werden bis heute quasi für damalige Verbrechen von deutscher Seite „bestraft“: Uns wurde entschädigungslos die Heimat unserer Vorfahren, ihre Mundart und ihr Brauchtum, unser familiäres und vor allem unser Kulturerbe geraubt. Unsere Menschenrechte werden bis heute ignoriert, obwohl die meisten von uns erst viele Jahre nach dem Krieg geboren worden sind.
Wie ZEIT ONLINE berichtet, hat der Nachfolger von Erika Steinbach, der BdV-Vorsitzende Bernd Fabritius, in einem Interview mit der polnischen Zeitung Rzeczpospolita die Vertreibung von Millionen Deutschen durch Polen nach dem Zweiten Weltkrieg als „Verbrechen“ und „schweren Fehler“ bezeichnet.1)ZEIT ONLINE 10. November 2014 -abgerufen am 11.11.2014
Innerhalb weniger Stunden wurde dieser Bericht heftig kommentiert und diskutiert. Potsblits hat die Kommentare ausgewertet und analysiert. Dabei zeigt sich ein deutliches Spannungsfeld unterschiedlicher Sichtweisen. Viele Beiträge sind von scharfer Kritik und gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt. Häufig werden historische Ereignisse gegeneinander aufgerechnet, wobei die Vorstellung einer kollektiven deutschen Verantwortung im Vordergrund steht:
Deutschland hat sich die Folgen des zweiten Weltkriegs, all die zerstörten Städte und all die Vertriebenen selbst zuzuschreiben, Punkt. Deutschland war der Auslöser des zweiten Weltkriegs und hat sich letztendlich auch alle Kriegsverbrechen die hier geschehen sind zu Verantworten. Wer einen Weltkrieg mit 60 Millionen Toten anzettelt muss sich nicht Wundern wenn das Land danach in Trümmern liegt.Attox, 10.11.2014, 18:15 Uhr
Demgegenüber verweisen andere Kommentatoren auf die universelle Geltung der Menschenrechte und argumentieren, dass auch die Vertreibung der Deutschen unabhängig vom historischen Kontext als Unrecht benannt werden müsse. Ein Forist schreibt:
Die Vertreibung der Deutschen aus den von ihren Vorfahren seit Jahrhunderten besiedelten Gebieten war eine ethnische Säuberung. Ethnische Säuberungen sind immer und unter allen Umständen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Artikel 7 des Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs).vahjen, 10.11.2014, 19:12 Uhr
Auch weitere Diskussionsteilnehmer wenden sich gegen jede Form von Kollektiv- oder Sippenhaftung. Sie argumentieren, dass erlittenes Unrecht nicht durch die Benachteiligung anderer Menschen gerechtfertigt werden könne, insbesondere dann nicht, wenn deren einzige „Schuld“ ihrer Herkunft oder Volkszugehörigkeit zugeschrieben werde. In diesem Zusammenhang fragt „Schneegrienchen“:
Wer hat denn hier einen Knall? Diejenigen, die Verbrechen leugnen und rechtfertigen, gar in Anführungsstriche setzen, oder diejenigen, die auf sie hinweisen?Schneegrienchen, 10.11.2014, 20:13 Uhr
Häufig wird zudem die Auffassung vertreten, nach den Erfahrungen der deutschen Besatzung hätten viele Polen nicht mehr mit Deutschen zusammenleben wollen. Kritiker dieser Argumentation entgegnen jedoch,dass in den mit Hilfe von Stalin annektierten ostdeutschen Gebieten nur wenige oder gar keine Polen lebten und die spätere polnische Besiedlung erst durch umfangreiche Umsiedlungsmaßnahmen erfolgte.
„Boytino“ vertritt die Ansicht, die Vertreibung sei weniger eine unmittelbare Folge des Krieges gewesen als vielmehr Ausdruck der politischen Machtverhältnisse nach dessen Ende. Der Sieger habe seine Interessen durchgesetzt und territoriale Veränderungen vorgenommen, die zuvor nicht möglich gewesen wären. (Boytino, 10.11.2014, 21:00 Uhr). In diesem Zusammenhang verweist „Jukos“ ironisch darauf, dass man mit historischen Besitzansprüchen nahezu jede territoriale Forderung begründen könne, und zieht einen Vergleich zum ehemaligen Römischen Reich. (Jukos, 10.11.2014, 19:05 Uhr).
Kommentator „UP“ kritisiert das gegenseitige Aufrechnen historischen Leids und erläutert seine Sicht auf die Rolle des Bundes der Vertriebenen:
Der Verband vertritt auch „seine“ auf der Flucht getöteten Vertriebenen. Millionen Tote, für den sich der Rest der Welt nicht interessiert hat. Millionen Vertriebene. Zwischen Säuglinen und Greisen. Alles Schuldige? Dieses Leid kann niemand Aussenstehender fassen. 1000 Jahre haben Generationen aufgebaut. In 6 Jahren Krieg alles verloren. Was ist seitdem Vergleichbares geleistet worden?
Hierzu bitte einfach den Mund halten. Oder differenzieren. Rückblickend schlauer und besserwisserisch aufzutreten, bedeutet für die Vertriebenen, sich von intellektuellen Sozialfällen beleidigen zu lassen.UP, 10.11.2014, 21:15 Uhr
Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die Frage, ob die ehemaligen deutschen Ostgebiete als eine Art Reparationsleistung betrachtet werden können. Kritiker dieser Sichtweise führen an, dass die betroffenen Gebiete nicht dem Staat allein, sondern vor allem den dort lebenden Menschen gehört hätten. Zudem verweisen sie darauf, dass die Potsdamer Konferenz vorgesehen habe, polnische Reparationsansprüche aus dem sowjetischen Anteil an den deutschen Reparationen zu befriedigen. – Vgl. Potsdamer Protokoll, Artikel IV. Reparationen aus Deutschland2)Potsdamer Protokoll, Artikel IV. Reparationen aus Deutschland.
Schließlich wird auch die historische Argumentation diskutiert, wonach die annektierten Gebiete einst polnisch gewesen seien. Kritiker halten dem entgegen, dass die Geschichte der einzelnen Regionen weit komplexer sei und sich nicht auf vereinfachende historische Besitzansprüche reduzieren lasse.
Historische Debatten leben von Fakten, Quellen und einer differenzierten Betrachtung. Vereinfachende Geschichtsbilder mögen eingängig erscheinen, werden den komplexen Entwicklungen Europas jedoch selten gerecht.
Lügen haben kurze Beine, Geschichtslügen noch kürzere…
Quellen
| ↑1 | ZEIT ONLINE 10. November 2014 -abgerufen am 11.11.2014 |
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| ↑2 | Potsdamer Protokoll, Artikel IV. Reparationen aus Deutschland |