Vertreibung ist niemals zu rechtfertigen
In der Debatte um ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen hat der polnische Moraltheologe Stanislaw Dziuba einen bemerkenswerten Satz gesprochen. Er widerspricht einer Deutung, die in Deutschland wie in Polen weit verbreitet ist: dass die Vertreibung der Deutschen nach 1945 als „unausweichliche Folge“ des Krieges verstanden werden könne. Sein Einwand reicht weit über die Tagespolitik hinaus.
Die Diskussion über das geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ wird seit Jahren von der Sorge begleitet, deutsche Opfer könnten gegen die Opfer deutscher Politik ausgespielt werden. Gerade in Polen stieß das Vorhaben deshalb vielfach auf Skepsis. Zugleich gab es aber auch andere Stimmen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung machte in ihrem Beitrag „Gedenken wachhalten“ vom 9. September 2003 auf sie aufmerksam.1)Gedenken wachhalten: Das Drama der Vertreibung ist niemals zu rechtfertigen – Polnische Stimmen für ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen
Die deutsch-polnische Debatte über Flucht und Vertreibung ist seit Jahren von einem Grundkonflikt geprägt: Darf man über das Leid der deutschen Vertriebenen sprechen, ohne die deutsche Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg zu relativieren? Oder anders gefragt: Ist die Erinnerung an deutsche Opfer zwangsläufig eine Konkurrenz zur Erinnerung an die Opfer deutscher Verbrechen?
In dieser oftmals emotional geführten Diskussion verdient ein Satz besondere Aufmerksamkeit, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Beitrag „Gedenken wachhalten. Polnische Stimmen für ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen“ vom 9. September dokumentierte. Dort wird der Moraltheologe Stanislaw Dziuba von der Katholischen Universität Lublin mit den Worten zitiert:
Das Drama der Vertreibungen sei niemals zu rechtfertigen. Es sei daher falsch, wenn in polnischen Medien bisweilen versucht werde, die Vertreibung der Deutschen als unausweichliche Folge des von Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieges darzustellen. Ein solches Denken sei eine grobe Vereinfachung mit dem Ziel, etwas zu erklären, was unfaßbar bleibe.Stanislaw Dziuba, FAZ 09.09.2003
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der europäischen Erinnerungskultur, dass manche historischen Vorgänge erklärt werden sollen, während andere verurteilt werden. Bei den Vertreibungen geschieht oft beides gleichzeitig. Man erklärt sie so ausführlich, bis die Erklärung beinahe zur Entschuldigung wird.
Doch genau gegen diese Sichtweise richtet sich Dziubas Einwand. Wer die Vertreibung lediglich als „unausweichliche Folge“ beschreibt, verschiebt den Blick. Der einzelne Mensch verschwindet hinter den Mechanismen der Geschichte. Aus Millionen konkreter Schicksale wird eine historische Notwendigkeit. Die Vertreibung traf nicht nur überzeugte Nationalsozialisten. Sie traf Frauen, Kinder, Alte, Kriegsversehrte und Menschen, die mit den Entscheidungen des Regimes nichts zu tun hatten. Viele verloren ihre Heimat, ihr Eigentum oder sogar ihr Leben.
Dziubas Aussage erinnert daran, dass Gewalt gegen Zivilisten nicht dadurch gerecht wird, dass zuvor andere Gewalt ausgeübt wurde.
In Deutschland wurde lange angenommen, Polen lehne jede offene Diskussion über die Vertreibung grundsätzlich ab. Der in demselben FAZ-Beitrag zitierte erste Botschafter des demokratischen Polen in Deutschland, Janusz Reiter, widersprach diesem Bild ausdrücklich. Er warnte davor, den Eindruck entstehen zu lassen, Polen fürchte eine Debatte über diesen Teil der Geschichte. Historiker, Publizisten und Politiker diskutierten diese Fragen bereits seit Jahren.
Damit wurde sichtbar, was in Deutschland oft übersehen wird: Die polnische Gesellschaft spricht nicht mit einer Stimme. Neben Positionen, die die Vertreibungen hauptsächlich als Folge deutscher Kriegsschuld betrachten, gibt es auch jene Stimmen, die das Leid der deutschen Vertriebenen ausdrücklich anerkennen und moralisch ernst nehmen.
Dziubas Wortmeldung gehört zu dieser Tradition. Sie ist nicht revisionistisch. Sie relativiert weder den deutschen Einmarsch in Polen noch die Verbrechen des Nationalsozialismus. Im Gegenteil: Gerade weil die Schrecken des Krieges bekannt sind, weigert sie sich, weiteres Leid nachträglich zu legitimieren.
Quellen
| ↑1 | Gedenken wachhalten: Das Drama der Vertreibung ist niemals zu rechtfertigen – Polnische Stimmen für ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen |
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