Die politisch Ungebildeten

Kaum ein Verhältnis in Europa ist historisch so eng verflochten und zugleich von Konflikten geprägt wie das zwischen Deutschen und Polen. Das Themenheft Polen der Bundeszentrale für politische Bildung wagt den Versuch, tausend Jahre gemeinsamer Geschichte auf wenigen Seiten zu verdichten. Ob dabei ein ausgewogenes Bild entsteht, soll die folgende Betrachtung zeigen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) sieht ihre Aufgabe darin, „Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken“. Diesem Selbstverständnis versucht sie unter anderem mit dem vierteljährlich erscheinenden Magazin Informationen zur politischen Bildung gerecht zu werden. Generationen von Schülerinnen und Schülern in Deutschland sind bereits mit den sogenannten „schwarz-roten Heften“ in Berührung gekommen. Ob diese intellektuell anspruchsvollen und stark textorientierten Publikationen insbesondere Lernende der Sekundarstufen I und II tatsächlich zu politischem Engagement motivieren, erscheint jedoch fraglich. Im Folgenden soll untersucht werden, ob das vorliegende Themenheft über Polen zu einem besseren Verständnis deutsch-polnischer Konflikt- und Berührungspunkte beiträgt.

Die Seiten vier bis siebzehn der Ausgabe Informationen zur politischen Bildung 3111)https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/polen-311/: Polen widmen sich den „1000 Jahren wechselvoller Geschichte“ des Landes. Bereits im ersten Abschnitt wird deutlich gemacht, wie eng die Entstehung des polnischen Staates mit dem Deutschen Reich beziehungsweise mit Kaiser Otto III. verknüpft war. Dieser habe den polnischen Herzog Bolesław Chrobry zum „Bruder und Mitarbeiter des Reiches“ erhoben.

Zweifellos ist es auf wenigen Seiten kaum möglich, die mittelalterliche Geschichte Polens in ihrer ganzen Differenziertheit darzustellen. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob es der historischen Komplexität gerecht wird, den im Baltikum expandierenden Deutschen Orden pauschal als „Gefahr für die piastischen Fürsten“ zu charakterisieren. Aus Sicht des Ordens wiederum konnten die Polen gleichermaßen als Bedrohung erscheinen. Die eigentlichen Ursachen der Rivalität zwischen beiden Mächten sowie deren langfristige Auswirkungen auf die deutsch-polnischen Beziehungen bleiben weitgehend im Dunkeln. Auch der abgedruckte Auszug aus einem Artikel des polnischen Journalisten Adam Krzemiński in der Zeit trägt nur bedingt zu einem vertieften Verständnis dieses zentralen Kapitels deutsch-polnischer Geschichte bei.

Im Ersten Weltkrieg errang die deutsche Armee in Ostpreußen, unweit des Schauplatzes der mittelalterlichen Schlacht von Tannenberg zwischen dem Deutschen Orden und einem polnisch-litauischen Heer, einen bedeutenden Sieg über Russland. Nach Krzemiński instrumentalisierten preußisch-deutsche Nationalisten diesen Erfolg von 1914, um symbolisch die „Schmach von 1410“ zu überwinden. Damit zeigt sich einmal mehr die Problematik nationalistischer Geschichtsbilder: Kann Gewalt und Krieg tatsächlich eine tragfähige Grundlage kollektiver Identität bilden? Deutsche Nationalisten haben dies einst versucht; polnische Nationalisten knüpfen bis heute daran an, wenn sie den Sieg von 1410 immer wieder in martialischer Weise inszenieren.

Bemerkenswert offen behandelt das Heft auf den Seiten acht und neun die Politik Polens in der Zwischenkriegszeit. Dort wird auf die Bestrebungen hingewiesen, Polen als regionalen Machtfaktor auszubauen. Józef Piłsudski, der bis heute von vielen Polen verehrt wird und in Adolf Hitler einen späteren Bewunderer fand, trug maßgeblich dazu bei, dass Polen innerhalb kurzer Zeit „mit allen Nachbarn außer Rumänien und Lettland verfeindet war“.

Pilsudski versuchte angesichts der militärischen Schwäche Sowjetrusslands an der Ostgrenze vollendete Tatsachen zu schaffen und löste mit einer Offensive im April 1920 den Polnisch-Sowjetischen Krieg aus.Polen, 8

Bemerkenswert ist ferner, dass das Themenheft nicht verschweigt, dass Polen Litauen eine Grenzregelung aufzwang, die für Litauen den Verlust seiner historischen Hauptstadt Vilnius beziehungsweise Wilna bedeutete. Ebenso offen wird darauf hingewiesen, dass Polen sich nach dem Münchner Abkommen an der territorialen Zerschlagung der sogenannten „Resttschechei“ beteiligte.

Quellen

Quellen
↑1 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/polen-311/