Deutschland im Bombenhagel – unbequeme Geschichtsfragen

Mit seinem neuen Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ hat der Historiker Jörg Friedrich eine Debatte ausgelöst, die weit über die historische Fachwelt hinausreicht. In einem gestern veröffentlichten Interview mit der WELT spricht Friedrich über die alliierte Bombardierung deutscher Städte, die Verantwortung Winston Churchills und die Frage, ob die gezielte Zerstörung ziviler Lebensräume im Zweiten Weltkrieg neu bewertet werden muss.

Ein Tabu wird aufgebrochen

Kaum ein Thema der deutschen Kriegsgeschichte war in den vergangenen Jahrzehnten so sensibel wie die alliierte Bombardierung deutscher Städte. Während die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zurecht im Mittelpunkt der historischen Erinnerung standen, gerieten die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung oftmals in den Hintergrund.

Friedrich geht nun in seiner Betrachtung ausführlich auf diese Opfer ein. Sein Buch beschreibt die Bombardierungen nicht als eine Abfolge militärischer Operationen, sondern als einen systematischen „Brandkrieg“, der ganze Stadtlandschaften und deren Bewohner vernichten sollte. Besonders kontrovers sind Friedrichs Aussagen über den britischen Premierminister Winston Churchill, der heute als Symbol des Widerstands gegen Hitler und als einer der wichtigsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts gilt. Auf die direkte Frage, ob Churchill als Kriegsverbrecher betrachtet werden müsse, antwortet Friedrich ausweichend:

Die Bewohner der Blindenanstalt in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg haben den Krieg nicht angefangen; ich weiß nicht, ob sie ihn unterstützt haben. Jedenfalls sind sie nicht die Adressaten, um ihn zu beenden. Ist die Bestrafung der Blinden in der Oranienstraße eine Folge der Aggression Hitlers? Natürlich. Ist sie eine militärisch sinnvolle Antwort? Mit Sicherheit nein. Ist es ein Kriegsverbrechen? Das lasse ich offen. Churchill selber war der Ansicht, ein Kriegsverbrecher zu werden, wenn er den Krieg verliert. Da er den Krieg gewonnen hat, ist er offenbar kein Kriegsverbrecher.Jörg Friedrich1)Interview mit Sven-Felix Kellerhof, Welt Online vom 21. November 2002
Das Scheitern der Strategie

Ein zentraler Gedanke des Interviews betrifft die Frage nach dem militärischen Nutzen der Flächenbombardements.

Sowohl die deutsche Luftwaffe während des sogenannten „Blitz“ (britische Bezeichnung für die deutschen Luftangriffe von 1940/41) gegen Großbritannien als auch das britische Bomber Command gingen davon aus, dass die Zerstörung von Städten den Widerstandswillen der Bevölkerung brechen würde. Nach Ansicht Friedrichs zeigte sich jedoch, dass dieses Konzept weder in London noch in Deutschland den gewünschten Effekt erzielte.

Die Zivilbevölkerung blieb trotz enormer Verluste widerstandsfähig. Der Krieg wurde letztlich nicht durch die Zerstörung von Wohngebieten entschieden, sondern durch militärische Niederlagen an den Fronten, wobei der Chef des Bomber Command, Arthur Harris, bis zu seinem Lebensende der Ansicht gewesen sei, man könne einen Krieg aus der Luft gewinnen, wenn man nur genügend Zivilisten massakriere.

Friedrich nennt drei Faktoren, die bislang zu wenig beachtet worden seien: Dauer, Umfang und die Unterscheidung von „Bomben- und Brandkrieg“:

Eine Sprengbombe trifft immer an einem Punkt auf – manchmal ein Krankenhaus, manchmal eine Fabrik von Krupp. Aber es ist ein Punkt. Die Sprengwaffe hat ein Ziel. Ein Brandangriff schafft ein Vernichtungsareal. Eine Bomberflotte, die bis zu eine Million Stabbrandbomben abregnet, hat von vorneherein kein Ziel im Auge, erst recht kein militärisches Ziel, sondern einen Raum. Fabrik und Bahnhof, Arbeiter und Arbeiterkind, Hitlergegner im Gefängnis und Arbeitssklave – sie alle verbrennen in gleicher Weise. Dieser Charakter des Brandangriffs als Vernichtungskrieg (in den britischen Akten ist von „Annihilation“ die Rede) ist bisher in den Köpfen der Erlebnisgeneration, das sind 30 Millionen deutsche Stadtbevölkerung, versiegelt geblieben. Das ist kein Geheimnis, aber im legitimen Interesse der Versöhnung mit unseren westlichen Gegnern ist es jahrzehntelang nicht ausgesprochen worden. Inzwischen ist die Kultur der Versöhnung so weit gediehen, dass wir sogar die Wahrheit vertragen.Jörg Friedrich2)Interview mit Sven-Felix Kellerhof, Welt Online vom 21. November 2002
Fazit

Die eigentliche Brisanz von „Der Brand” liegt nicht in der Beschreibung der Zerstörung selbst. Friedrich sieht im alliierten Brandkrieg eine Form des Vernichtungskrieges, über deren Charakter nach 1945 lange geschwiegen wurde. Nicht, weil die Tatsachen unbekannt gewesen wären, sondern weil sie im Interesse der Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern kaum ausgesprochen wurden. Nun, da diese Versöhnung für ihn gefestigt genug erscheint, fordert er eine offenere Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Kriegsgeschichte.

Zugleich versteht er den Bombenkrieg nicht nur als historisches Ereignis, sondern auch als Beginn einer folgenschweren Entwicklung. Mit den Angriffen auf London, die deutschen Städte, Tokio, Hiroshima und Nagasaki sei der Angriff auf die Zivilbevölkerung zum Bestandteil des modernen totalen Krieges geworden. Die Frage, ob hier ein Irrweg der Zivilisation begann, lässt er bewusst offen. Doch sein Buch ist ein eindringlicher Versuch, über die Ursachen und Folgen dieses Irrwegs endlich offen zu sprechen.

Quellen

Quellen
↑1, ↑2 Interview mit Sven-Felix Kellerhof, Welt Online vom 21. November 2002