Deutschland und Polen nach Versailles
Wie ausgewogen ist das weit verbreitete Lehrwerk „Polnische Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen“ tatsächlich? Anhand des Kapitels über die Zeit nach dem Versailler Vertrag zeigt sich, dass differenzierte Ansätze zur Bewertung polnischer Politik neben fragwürdigen Verkürzungen und tendenziösen Darstellungen stehen. Besonders die Behandlung der Oberschlesien-Frage wirft die Frage auf, ob historische Ereignisse sachgerecht eingeordnet oder politische Deutungsmuster reproduziert werden. Der folgende Beitrag nimmt das Lehrwerk kritisch unter die Lupe.
Das „Deutsche Polen-Institut Darmstadt“ stellte am 16. März 2012 auf der Leipziger Messe das im Cornelsen-Verlag publizierte Lehrwerk „Polnische Gesellschaft. Darstellungen und Materialien für den Unterricht“ vor. Bereits 2007 war in derselben Reihe der Band „Polnische Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen“ veröffentlicht worden. Zu diesem Lehrwerk ist noch bis 13. April 2012 eine Ausstellung im Gerhard-Hauptmann-Haus in Düsseldorf zu sehen. Nach Angaben des Polen-Instituts wurde „die zweisprachige Ausstellung bereits erfolgreich in zahlreichen Schulen und Institutionen in Deutschland und Polen gezeigt.“.1)http://www.deutsches-polen-institut.de/Termine/detail.php?we_objectID=3654, abgerufen am 29. April 2012
Das rund 190 Seiten umfassende Geschichtsheft von Manfred Mack und Matthias Kneip glieder sich in dreizehn Unterrichtseinheiten. Das erste Kapitel behandelt die deutsche Ostsiedlung, das letzte deutsch-polnische Stereotypen. Jeder Einheit ist eine etwa dreiseitige Einführung vorangestellt. Den Schwerpunkt bilden die an die Einführungen anschließenden „Materialsammlungen“ mit Textauszügen aus Büchern, Zeitungen und weiteren Quellen. Am Ende jedes Kapitels finden sich Arbeitsaufträge sowie Themenvorschläge für Referate und Facharbeiten. Wer auf ergänzende Arbeitsblätter auf der beiligenden CD-ROM hofft, wird allerdings enttäuscht: Sie enthält lediglich das vollständige Lehrwerk im PDF-Format.
Exemplarisch soll hier das fünfte Kapitel mit dem Titel Deutschland und Polen nach dem Versailler Vertrag betrachtet werden. Bereits auf der Titelseite wird ein Zitat des Reichswehrchefs General von Seeckt vom 11. September 1922 hervorgehoben, in dem dieser erklärt, die Existenz Polens sei unerträglich und Polen müsse verschwinden. Diese bewusst prominent platzierte polenfeindliche Aussage steht jedoch in deutlichem Kontrast zu den ersten Zeilen des anschließenden Einführungstextes. Dort wird darauf hingewiesen, dass Deutschland und Österreich-Ungarn die Wiederrichtung eines autonomen und unabhängigen polnischen Staates befürworten, wenn auch „zunächst untergeordnet den jeweiligen nationalen Interessen“
Leider verzichten die Autoren darauf, diese offensichtlichen Widerspruch deutscher Polenpolitik näher zu beleuchten. Einen möglichen Erklärungsansatz liefern sie jedoch selbst, indem sie feststellen, Polen sei infolge der Grenzziehungen nach 1918 mit allen Nachbarn außer Rumänien und Lettland verfeindet gewesen.
Umstrittene Grenzziehungen
Mack und Kneip verweisen auf das alliierte Kriegsziel, ein Polen zu schaffen, das jene Gebiete umfassen sollte, die „von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung“ bewohnt wurden, wie es US-Präsident Woodrow Wilson in seiner berühmten „Vierzehn-Punkte-Erklärung“ formuliert hatte. Im weiteren Verlauf wird ausgeführt, dass Józef Piłsudski die von den Alliierten vorgesehene Curzon-Linie als Ostgrenze ablehnte und durch militärische Maßnahmen eigene Tatsachen schaffen wollte. Mit dieser Offensive habe er 1920 den Polnisch-Sowjetischen Krieg ausgelöst.
Polen sei dadurch infolge umstrittener Grenzziehungen „mit allen Nachbarn außer Rumänien und Lettland verfeindet“ gewesen. Solche klaren Hinweise auf problematische Aspekte polnischer Politik finden sich in vielen Geschichtsdarstellungen eher selten und gehören zu den Stärken des Lehrwerks.>
Dieser positive Ansatz geht jedoch bei der Darstellung der Volksabstimmung in Oberschlesien wieder verloren. Dort heißt es:
Während es im südlichen Ostpreußen und in westpreußischen Plebiszitgebieten 1920 nur wenige Stimmen für Polen gab, weshalb die Gebiete größtenteils bei Deutschland verblieben, stimmten 1921 in den oberschlesischen Abstimmungsgebieten immerhin 40,4 Prozent für Polen. Die folgende Teilung Oberschlesiens durch den Völkerbund konnte auch von drei zwischen 1919 und 1921 in Oberschlesien von polnischen Nationalisten unter der Führung von Wojciech Korfanty initiierten Aufständen gegen die Deutschen nicht mehr verhindert werden.Polnische Geschichte. Cornelsen 2007, S. 60
Diese Darstellung wirkt tendenziös und verzerren wesentliche Aspekte der historischen Ereignisse, die die Oberschlesier damals erleiden mussten.
Der Einführungstext auf den Seiten 59 bis 62 diente offenbar auch als Grundlage für das Kapitel „Zwischen den Weltkriegen“ im „Polen-Heft“ (Heft 311, 2/2011) der Bundeszentrale für politische Bildung. Illustriert wird das Kapitel unter anderem durch eine Briefmarke zu Ehren Pilsudskis sowie zwei Wahlplakate zur Volksabstimmung in Oberschlesien. Während die Darstellung der Politik Józef Piłsudski stellenweise bemerkenswert kritisch ausfällt, bleiben die Ausführungen zu Oberschlesien oberflächlich und in Teilen sogar problematisch.
Quellen
| ↑1 | http://www.deutsches-polen-institut.de/Termine/detail.php?we_objectID=3654, abgerufen am 29. April 2012 |
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