Péter Esterházy erhält Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Der Stiftungsrat Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hat den ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy zum Träger des Friedenspreises 2004 gewählt. Die Verleihung fand während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 10. Oktober 2004, in der Paulskirche statt.

Peter Esterházy gilt als einer der bedeutendsten europäischen Gegenwartsautoren. Seine Werke werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und machen ihn weit über die Grenzen Ungarns hinaus bekannt. Kennzeichnend für sein Schreiben sind sprachliche Experimentierfreude, Ironie, vielschichtige Bezüge zur Literaturgeschichte sowie die Verbindung persönlicher Familiengeschichte mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts.

Esterházy stammt aus einer der bekanntesten ungarischen Adelsfamilien. Die Familie Esterházy spielt über Jahrhunderte eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Habsburgermonarchie und gilt als Förderin von Kunst und Kultur. Nach der kommunistischen Machtübernahme in Unganr verlor die Familie ihren Besitz und ihre gesellschaftliche Stellung. Sie wurde enteignet und politisch ausgegrenzt. Diese Erfahrung prägen Esterházys Werk nachhaltig und machen Erinnerung, Identität und Geschichtsbewusstsein zu zentralen Themen seines Schreibens.

Er studierte zunächst Mathematik an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest und arbeitete einige Jahre als Informatiker, bevor er sich ganz der Literatur zuwandte. Seit den 1970er Jahren entwickelt er einen eigenständigen Stil und zählt heute zu den wichtigsten Vertretern der modernen mitteleuropäischen Literatur.

Besondere Aufmerksamkeit erhält sein Werk Harmonia Caelestis (2000), ein weitgehend autobiographisches Werk, das sich auch mit Herkunft, Tradition und den Brüchen der europäischen Geschichte auseinandersetzt.

Der Stiftungsrat hebt besonders hervor, dass Esterházy die Erfahrungen von Terror, Gewalt, Schuld und Erinnerung literarisch verarbeitet habe. In der Begründung heißt es, er habe die „Verstrickungen und die prototypische Schuld der Menschen des geschichtsmächtigen alten Kontinents“ in Literatur verwandelt und dabei einen ungewöhnlichen Ton zwischen Trauer und Ironie gefunden.

Die Jury sieht in ihm einen Autor, der Europa nicht politisch, sondern literarisch neu zusammendenkt. Besonders hervorgehoben wird sein Mut, historische und persönliche Wahrheiten offen anzusprechen und dabei einfache Schuldzuweisungen zu vermeiden. Sein Werk gilt als wichtiger Beitrag zum europäischen Dialog über Vergangenheit, Verantwortung und Versöhnung.

Die Auszeichnung fällt zudem in ein symbolträchtiges Jahr: Erst im Mai 2004 ist Ungarn gemeinsam mit neun weiteren Staaten der Europäischen Union beigetreten. Esterházys Schreiben über historische Brüche, kulturelle Identität und das gemeinsame europäische Erbe wird daher auch als literarische Stimme eines zusammenwachsenden Europas verstanden.

In seiner Dankesrede stellt Esterházy fest:

Die Deutschen haben ihre eigenen Vergehen beim Namen genannt, die eigenen Leiden haben sie nicht beim Namen genannt. Die eigenen Missetaten durch deutsche Missetaten zu verdecken, ist eine europäische Gewohnheit.Péter Esterházy1)Friedenspreis des deutschen Buchhandels – URL: http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de – abgerufen am 27.01.2015

Mit dieser Aussage greift er ein zentrales Thema seines Werks auf: die Notwendigkeit, sich sowohl mit eigener Schuld als auch mit eigenem Leid offen auseinanderzusetzen, um ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

Quellen

Quellen
↑1 Friedenspreis des deutschen Buchhandels – URL: http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de – abgerufen am 27.01.2015