Ehrenplakette für Peter Glotz

Ein Jahr nach seinem Tod ehrt der Bund der Vertriebenen den SPD-Politiker und Intellektuellen Peter Glotz mit seiner Ehrenplakette. In einer bewegenden Rede verteidigt seine Witwe Felicitas Walch-Glotz dessen Einsatz für die Rechte aller Vertriebenen als Ausdruck eines „universellen Humanismus“ jenseits politischer Lager und historischer Schuldzuweisungen.

Tag der Heimat 2006
Tag der Heimat 2006
(Foto: Potsblits)

Mit einer bewegenden Feierstunde hat der Bund der Vertriebenen (BdV) am Samstag in Berlin im Internationalen Congress Centrum (ICC) auf dem Tag der Heimat den verstorbenen Politiker und Publizisten Prof. Dr. Peter Glotz postum mit der Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen ausgezeichnet. Die Ehrung wurde von BdV-Präsidentin Erika Steinbach vorgenommen. Entgegengenommen wurde die Auszeichnung von Glotz‘ Witwe Felicitas Walch-Glotz und dem gemeinsamen Sohn Lion.

In ihrer Laudatio würdigte Steinbach den am 25. August 2005 verstorbenen Sozialdemokraten als eine Persönlichkeit, die entscheidend dazu beigetragen habe, das Bewusstsein für das Schicksal von Millionen Vertriebenen zu schärfen und die Frage von Flucht und Vertreibung als universelles Menschenrechtsthema im öffentlichen Diskurs zu verankern.

Glotz, 1939 im böhmischen Eger als Sohn eines deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter geboren, habe sich zeitlebens mit den historischen und politischen Entwicklungen Mitteleuropas beschäftigt. Besonders hervorgehoben wurde sein Buch „Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück“ aus dem Jahr 2003, in dem er die verhängnisvolle Eskalation nationaler Konflikte in Böhmen und Mähren nachzeichnete.

Brückenbauer zwischen politischen Lagern

Als langjähriger SPD-Politiker, Bundestagsabgeordneter, Parlamentarischer Staatssekretär, Berliner Wissenschaftssenator und Bundesgeschäftsführer seiner Partei habe Glotz über Jahrzehnte das politische Leben der Bundesrepublik mitgeprägt. Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik widmete er sich wieder verstärkt der Wissenschaft und leitete unter anderem als Gründungsrektor die Universität Erfurt.

Besondere Anerkennung fand sein Engagement für die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, deren Co-Vorsitzender er seit dem Jahr 2000 war. Steinbach bezeichnete Glotz als einen leidenschaftlichen Fürsprecher einer „ungeteilten Erinnerung“ an alle Opfer von Vertreibungen. Sein Anliegen sei es gewesen, Vertreibungen unabhängig von Nationalität, Herkunft oder politischem Kontext als Unrecht zu benennen.

In ihrer Laudatio erinnerte die BdV-Präsidentin an Glotz‘ Überzeugung, dass die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht relativiert werden dürfe. Der Hinweis auf historische Zusammenhänge nehme diesem Geschehen nicht seinen Charakter als Unrecht.

Bewegende Dankesrede der Witwe

Für den emotionalen Höhepunkt der Veranstaltung sorgte die Dankesrede von Felicitas Walch-Glotz. In einer ebenso persönlichen wie politischen Ansprache setzte sie sich mit den Etiketten auseinander, die ihrem Mann während seines Lebens angeheftet worden seien.

„Vom SPD-Vordenker zum Querdenker, ja sogar zum Urgestein sollte er werden“, erinnerte sie. Besonders habe Peter Glotz jedoch das Etikett des „Freundes der Vertriebenen“ begleitet, das ihm seit seinem Engagement für das Zentrum gegen Vertreibungen von Kritikern zugeschrieben worden sei.

Mit Nachdruck widersprach Walch-Glotz den Vorwürfen, ihr Mann habe sich dadurch politisch nach rechts bewegt. Vielmehr habe sein Einsatz einem universellen humanistischen Grundsatz gegolten: der Verteidigung der Menschenrechte aller Vertriebenen.

„Es spielt keine Rolle, ob die Vertriebenen Angehörige der sogenannten Täter- oder der sogenannten Opfernationen sind“, erklärte sie. Entscheidend sei allein das menschliche Leid, das durch Vertreibung entstehe.

Glotz habe sich trotz Anfeindungen nicht davon abbringen lassen, auf dieses Leid aufmerksam zu machen. Seine Witwe sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer doppelten Vertreibung: aus seiner böhmischen Heimat und aus jener geistigen Heimat, die für ihn im sozialdemokratischen Bekenntnis zu universellen Menschenrechten gelegen habe.

„Plädoyer für den universellen Humanismus“

Die Verleihung der Ehrenplakette wertete Walch-Glotz als ein Zeichen über politische Lager hinweg. Wer für die universellen Rechte aller Menschen eintrete, handle weder reaktionär noch revanchistisch, betonte sie:

Es ist nicht reaktionär, für die universellen Rechte aller Menschen einzutreten, es ist nicht revanchistisch, auf das Schicksal der Vertriebenen aus aller Weit aufmerksam zumachen und es ist natürlich weder „rechts“ noch „links“ auf die leiden von ALLEN Menschen hinzuweisen, damit sich solche Leiden möglichst niemals wiederholen müssen.Felicitas Walch-Glotz, 2. September 2006

Die Ehrung ihres Mannes sei daher „ein Plädoyer für den universellen Humanismus“, sagte sie. Zum Abschluss erklärte sie unter dem Beifall der Anwesenden: „Peter Glotz hätte diese Ehrung heute sehr behagt. Lion und ich danken Ihnen dafür.“

Mit der Auszeichnung erinnert der Bund der Vertriebenen an einen Politiker, der wie nur wenige andere den Versuch unternahm, die Erinnerung an Flucht und Vertreibung in einen gesamteuropäischen Zusammenhang zu stellen und dabei die Würde aller Opfer in den Mittelpunkt zu rücken. Seine Stimme fehlt in der aktuellen Debatte, sein Anliegen aber wirkt weiter.

Dokumentation:

Rede von Erika Steinbach MdB – Präsidentin des Bundes der Vertriebenen: href=“https://www.bund-der-vertriebenen.de/files/steinbach2006.pdf (abgerufen am 3.09.2006)