Iglau: Tschechische Intellektuelle stellen Tabus der Nachkriegszeit in Frage

Iglau (Jihlava), 26. März 2002. Jahrzehntelang galt ein Grundsatz als nahezu unangreifbar: Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine unvermeidliche Folge der nationalsozialistischen Herrschaft gewesen. Ausgerechnet auf einem deutsch-tschechischen Versöhnungsforum in Iglau wurde dieses Selbstverständnis nun öffentlich in Frage gestellt.

Beim 11. Iglauer Gespräch, das alljährlich von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Stiftung zu Beginn der Karwoche organisiert wird, standen in diesem Jahr die Auswirkungen des deutsch-tschechoslowakischen Nachbarschaftsvertrags von 1992 im Mittelpunkt. Zehn Jahre nach dessen Unterzeichnung zogen Politiker, Historiker und Intellektuelle Bilanz. Die Aufmerksamkeit galt dabei weniger den offiziellen Grußworten als vielmehr den bemerkenswerten Wortmeldungen mehrerer tschechischer Teilnehmer.1)FAZ, Karl-Peter Schwarz, Der Provokateur in der ersten Reihe, 25.03.2002

Petr Uhl, einer der prominentesten Linksintellektuellen in Tschechien, widersprach der unter tschechischen Politikern weit verbreitete Auffassung, die Vertreibung der Sudetendeutschen sei eine „unvermeidliche“ Konsequenz der vorangegangenen Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen.

Geschichte dürfe nicht nachträglich als schicksalhafte Notwendigkeit umgedeutet werden, so Uhl. Das Leid, das die deutsche Besatzung über die Tschechoslowakei gebracht habe, könne eine kritische Betrachtung der Ereignisse nach Kriegsende nicht ersetzen. Seine Worte trafen einen empfindlichen Nerv in einer Debatte, die auch mehr als fünf Jahrzehnte nach Kriegsende nichts von ihrer Brisanz verloren hat.

Uhl warnte zudem davor, am Mythos der „Unveränderlichkeit der europäischen Nachkriegsordnung“ festzuhalten. Schon die Entstehung der Europäischen Union, der Fall des Eisernen Vorhangs und die Überwindung der Teilung Europas hätten gezeigt, wie grundlegend sich politische Realitäten verändern können.

Unterstützung erhielt er von Václav Zak, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Listy“. Auch Zak sprach sich für eine politische Distanzierung von den Beneš-Dekreten aus. Diese seien Teil eines historischen Erbes, dessen diskriminierende Elemente nicht länger ignoriert werden dürften. Ein demokratischer Staat müsse bereit sein, auch die eigenen historischen Fehlentscheidungen kritisch zu hinterfragen.

Gerade darin lag jedoch die besondere Bedeutung der Tagung. Anders als in den oftmals emotional geführten politischen Debatten stand in Iglau nicht die gegenseitige Anklage im Vordergrund, sondern die Suche nach einem gemeinsamen historischen Verständnis. Die Teilnehmer waren sich weitgehend einig, dass Versöhnung nicht auf dem Vergessen beruhen könne, sondern auf der Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zu stellen.

Zehn Jahre nach dem Nachbarschaftsvertrag zeigte sich in Iglau somit ein bemerkenswerter Wandel. Kritische Stimmen zu Vertreibung und Beneš-Dekreten kommen längst nicht mehr nur aus Deutschland oder aus den Reihen sudetendeutscher Verbände. Zunehmend werden sie auch innerhalb der tschechischen Gesellschaft selbst laut.

Ob daraus politische Konsequenzen erwachsen, bleibt offen. Das diesjährige Iglauer Gespräch hat jedoch gezeigt, dass manche Gewissheiten der Nachkriegszeit nicht mehr ganz so unumstößlich erscheinen wie einst.

Quellen

Quellen
↑1 FAZ, Karl-Peter Schwarz, Der Provokateur in der ersten Reihe, 25.03.2002