Überfall auf den Sender Gleiwitz

Der Historiker Stefan Scheil bestreitet, dass der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz von der deutschen Regierung als Begründung für den Krieg gegen Polen herangezogen wurde. Das gelte auch für die beiden anderen von der SS inszenierten Überfälle in Pitschen und Hoflinden. Scheil wirft der Geschichtswissenschaft mangelnde Bereitschaft zu kritischem Nachfragen vor. Die meisten Historiker sehen in diesen SS-Aktionen den propagandistischen Vorwand für den Polenfeldzug, der den Zweiten Weltkrieg auslöste.

Sender Gleiwitz

Sender Gleiwitz1)Bildquelle: Wikipin, gefunden auf Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei – abgerufen am 15.03.2010

Gemäß dem Historiker Stefan Scheil wird in dem sog. „Weißbuch des Auswärtigen Amts“ der Überfall auf den Sender Gleiwitz offiziell lediglich als Aktion „polnischer Aufständischer“ eingestuft. Er sei von der deutschen Regierung nicht als Beweis für einen Angriff regulärer polnischer Truppen herangezogen worden.
Für die Nacht vom 31. August auf den 1. September 1939 listet das Weißbuch insgesamt fünf Vorfälle mit Beteiligung polnischer Truppen auf. Weder Gleiwitz noch Pitschen und Hoflinden – allesamt von der SS inszenierte Überfälle – wurden vom Auswärtigen Amt als „Angriff regulärer Truppen“ eingestuft.

Am 1. September hatte Hitler vor dem Deutschen Reichstag den Beginn des Krieges gegen Polen verkündet – mit den berühmten Worten…

Polen hat nun heute nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!

Stefan Scheil wirft der Geschichtsschreibung vor, das Thema verfehlt zu haben, da sie sich auf die drei genannten SS-Aktionen beschränkt „und zu den Grenzzwischenfällen, die das deutsche Weißbuch tatsächlich schildert, nichts zu sagen weiß“.

Das gilt ebenso für Jürgen Runzheimers Aufsatz über: „Die Grenzzwischenfälle am Abend vor dem deutschen Angriff auf Polen“, wie für Alfred Spieß‘ und Heiner Lichtensteins Darstellung des Vorgangs als sogenanntes „Unternehmen Tannenberg“, wo diese, nach offizieller deutscher Darstellung einzigen Grenzzwischenfälle mit polnischen regulären Truppen ebenfalls nicht erwähnt werden. Darstellungen aller Art gehen regelmäßig über diese Fakten hinweg. Eine gewisse Ausnahme macht Walther Hofer, der immerhin erwähnt, daß Gleiwitz in Hitlers Rede nicht vorkam, es dann aber versäumt, den anderen Vorgängen nachzugehen.Stefan Scheil, Fünf plus Zwei, 1022)Stefan Scheil, Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, 2. Auflage, Duncker & Humblot, Berlin, 2004.

Die drei inszenierten Überfälle wurden von der deutschen Regierung definitiv nicht als Begründung für den Krieg gegen Polen herangezogen. Weder Hitler habe Gleiwitz in seiner Rede am 1. September 1939 erwähnt, noch hätte der Völkische Beobachter sich zu der Behauptung verstiegen, dort habe es einen Überfall polnischer Soldaten gegeben. In keinen Publikationen regierungsnaher, deutscher Organe, auch nicht bei der Gestapo, werden diese SS-Aktionen als „Übergriffe regulärer Truppen“ genannt.

Die fünf vom Weißbuch des Auswärtigen Amts genannten „Vorfälle mit regulären Truppen“ müssen dann entweder Falschmeldungen sein, oder es handelte sich um jene polnischen Übertritte auf deutsches Gebiet, die der polnische Außenminister Józef Beck (1894-1944) gegenüber seinem Pariser Botschafter am 6. September 1939 erwähnte.

Die Einzelheiten dieser Grenzzwischenfälle vom 31. August 1939 sind offenbar noch ungeklärt, was bereits 1950 Ernst v. Weizsäcker als „Lücke in der Geschichtsschreibung“ beklagte.

Der jüngst erschienene, von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Aufsatz über die Vorgeschichte des deutsch-polnischen Krieges erwähnt weder die Flucht und Vertreibung großer Teile der deutschen Bevölkerung aus der Republik Polen nach dem Ersten Weltkrieg, noch den Hintergrund und den Umfang der polnischen Abstimmungsniederlage im südlichen Ostpreußen, noch die polnischen Angriffspläne auf die Weimarer Republik, noch die polnische publizistische Vorkriegskampagne für die Oder-Grenze und die Okkupation Ostpreußens, noch den Kern der deutschen Vorschläge vom Oktober 1938, der in der Anerkennung der bestehenden polnischen Grenze lag, noch die Mobilisierung der polnischen Armee im Umfeld der englischen Garantieerklärung vom März 1939, noch die Zahl der deutschen Flüchtlinge im Jahr 1939 oder die Zahl der ermordeten Deutschen vor und nach Kriegsbeginn und auch nicht die polnischen Offensivpläne und die umfassenden militärischen Vorbereitungen auf polnischer Seite.Stefan Scheil, Fünf plus Zwei, 108.

Das alles wird der deutsch-polnischen Aussöhnung zuliebe weggelassen. Ist eine solche Aussöhnung aber nicht auf Sand gebaut, wenn sie wichtige geschichtliche Fakten einfach so unter den Teppich kehrt? Müsste eine Gesamtdarstellung der Vorgeschichte des Krieges von 1939 nicht anders aussehen?

Quellen   [ + ]

1. Bildquelle: Wikipin, gefunden auf Wikimedia Commons, Lizenz: gemeinfrei – abgerufen am 15.03.2010
2. Stefan Scheil, Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, 2. Auflage, Duncker & Humblot, Berlin, 2004.
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