Tutto il territorio Polacco

Mitte August 1945, wenige Monate nach Kriegsende, besuchte der polnische Kardinal Augustyn Hlond die leitenden deutschen Diözesangeistlichen im polnisch besetzten Ostdeutschland und zwang sie mittels einer Lüge zum Rücktritt. Für die einen hat der polnische Kardinal dazu beigetragen, im Sinne Stalins im Osten Deutschlands „vollendete Tatsachen“ zu schaffen (Franz Scholz). Für andere wiederum hat Hlond in seelsorgerlicher Hinsicht lediglich den bereits politisch geschaffenen Realitäten entsprochen (Robert Żurek).

Kardinalprimas Augustyn Hlond hatte am 8. Juli 1945 in einem päpstlichen Reskript (ein Antwortschreiben der „Heilige Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten“), umfassende und spezielle päpstliche Vollmachten für das „ganze polnische Territorium“ (in tutto il territorio polacco) erhalten.

Ein Streit ist darüber entbrannt, was mit diesem „polnischen Territorium“ gemeint sei – nur „Altpolen“, oder auch die neuen „Westgebiete“, sprich: das besetzte Ostdeutschland?

Mit der Beantwortung dieser Frage hat sich vor allem der heimatvertriebene Breslauer Priester Franz Scholz (1909 – 1998) beschäftigt. Er kommt zu der klaren Erkenntnis, dass Papst Pius XII nur „Altpolen“ gemeint haben kann, und Kardinal Hlond so auch in territorialer Hinsicht seine Vollmachten überschritten hatte.1)Die Staatsräson des Kardinal August Hlond

Zu einer ganz anderen Ansicht in diesem Punkt gelangt jedoch der Historiker Robert Żurek (sprich: „Schurek“). Der stellvertretender Direktor des „Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften“ behauptet in seinem Buch „Zwischen Nationalismus und Versöhnung“ Papst Pius XII hätte mit der Formulierung tutto il territorio Polacco „auch die neuen Westgebiete“ gemeint.2)Robert Żurek: Zwischen Nationalismus und Versöhnung, Böhlau-Verlag, 2005, 177 Alleine die nicht der Wahrheit entsprechende Rücktrittsforderung, ausgegeben als „Wille des Papstes“, sieht Żurek als problematisch an. Kardinal Hlonds Lüge stellt der Historiker quasi als „vorauseilenden Gehorsam“ gegenüber dem Papst dar und betont, der „sonst so romtreue Kirchenmann“ August Hlond hätte die guten Beziehungen der polnischen Kirchenführung mit dem Vatikan gewiss nicht ohne gewichtige Gründe aufs Spiel gesetzt. Die politischen Umstände hätten keine andere Lösung als eine Ersetzung der deutschen Kirchenverwaltung durch eine polnische zugelassen. 3)Vgl. Robert Żurek, 179f

In Widerspruch zu seiner Auffassung, Papst Pius XII hätte Kardinal Hlond Vollmachten „auch für die neuen Westgebiete“ gegeben, gerät Robert Żurek markanter Weise einige Seiten zuvor selbst. Zu Beginn des Kapitels „Die Haltung des Vatikans“ schreibt er nämlich, dass Papst Pius XII sich dem kirchlichen Grundsatz verpflichtet sah, mit endgültigen kirchenrechtlichen Lösungen zu warten, bis die politischen Lösungen vollzogen sind. Solange der politische Status der Oder-Neiße-Gebiete nicht definitiv geklärt war, habe der Vatikan die Aufrechterhaltung der Diözesanordnung im Gesamtgebiet des Deutschen Reiches gewährleisten müssen.

Die endgültige Regelung der kirchlichen Jurisdiktion in den Oder-Neiße-Gebieten wollte aber Pius XII. erst nach dem Abschluss eines Friedensvertrags vornehmen, in dem die Frage der politischen Zugehörigkeit dieser Gebiete eindeutig geklärt werden sollte.Robert Żurek, 151

Diese Haltung des Vatikans ist nun in keinster Weise „legalistisch“, d.h. „am Buchstaben des Gesetzes“ orientiert. Sie entspringt vielmehr der Weisheit, dass sich die Kirche bzgl. Grenzfragen etc. nicht in die Tagespolitik einmischt.
So sieht es auch Franz Scholz, der es als absurd betrachtet, dass Papst Pius XII. mit „das ganze polnische Territorium“ auch die neuen „polnischen Verwaltungsgebiete“ (polnische „Besatzungszone“ in Ostdeutschland) gemeint haben könnte, wie ja Żurek suggerieren möchte.

Das päpstliche Schreiben, welches Kardinal Hlond die Vollmachten zuteilte, trägt das Datum vom 8. Juli 1945 – also rund zehn Tage vor dem Beginn der Potsdamer Konferenz. Bereits vor dieser Konferenz war zwar für die Alliierten klar, dass Polen einen „Gebietszuwachs im Norden und Westen“ erhalten sollte, über den Umfang waren sie sich jedoch keinesfalls einig.

Ist es nun wahrscheinlich, dass die Kurie wenige Wochen vor Potsdam ihrerseits für den exzessiven, zu unmenschlichen Folgen führenden Plan Stalins gegen die mildernden Pläne der Westmächte votiert hätte?Scholz, Staatsräson4)Scholz, Franz: Zwischen Staatsräson und Evangelium, Kardinal Hlond und die Tragödie der ostdeutschen Diözesen, 3. verbesserte und erweiterte Auflage, Knecht-Verlag, Frankfurt/Main, 1989, Seite 99

Diese Frage ist mit einem klaren „NEIN!“ zu beantworten, zumal Papst Pius XII. am 1. März 1948 – also zu einem Zeitpunkt als die Vertreibung nahezu abgeschlossen war – in einem Brief an die deutschen Bischöfe den Wunsch äußerte, die polnische Übernahme der ostdeutschen Gebiete rückgängig zu machen.

Die Vertreibung an sich hat der Vatikan, insbesondere Papst Pius XII., scharf kritisiert. Am 1. September 1945, knapp einen Monat nach dem Potsdamer Protokoll, verurteilte der Papst die Vertreibung der Deutschen aus Ostdeutschland erstmals und wiederholte diese Verurteilung danach mehrfach, so auch in seiner Weihnachtsbotschaft von 1945, die allerdings auf Weisung des polnischen Primas‘ Augustyn Kardinal Hlond den polnischen Gläubigen vorenthalten wurde.Hartenstein, Oder-Neiße-Linie5)Hartenstein, Michael A.: Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie, Olzog-Verlag, München, 2006, S. 164

Statt dass die polnische Kirche (katholisch und evangelisch!) gegen die Annexion Ostdeutschlands und die Vertreibung der angestammten Bevölkerung Widerstand geleistet hätte, hat sie im „vorauseilenden Gehorsam“ geholfen vollendete Tatsachen zu schaffen. Nicht im Gehorsam gegenüber Papst, Vatikan, geschweige dem Evangelium. Sondern ganz im Sinne Stalins bzw. der polnischen Staatsräson.

Quellen   [ + ]

1. Die Staatsräson des Kardinal August Hlond
2. Robert Żurek: Zwischen Nationalismus und Versöhnung, Böhlau-Verlag, 2005, 177
3. Vgl. Robert Żurek, 179f
4. Scholz, Franz: Zwischen Staatsräson und Evangelium, Kardinal Hlond und die Tragödie der ostdeutschen Diözesen, 3. verbesserte und erweiterte Auflage, Knecht-Verlag, Frankfurt/Main, 1989, Seite 99
5. Hartenstein, Michael A.: Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie, Olzog-Verlag, München, 2006, S. 164
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