Gelenkte Erinnerung

Beim diesjährigen Tag der Heimat in Berlin zeichnete der Bund der Vertriebenen die deutsche Bundeskanzlerin mit einer Ehrenplakette in Gold aus. In ihrer glänzenden Rede sprach Angela Merkel von einer „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe“, die „das kulturelle Erbe und die Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ erforscht und auch für künftige Generationen lebendig hält. Eine geschichtliche Erinnerung, die sich in engen, politisch korrekten Grenzen bewegt.

Die Bundeskanzlerin betonte in ihrer Rede am 30. August 2014 in Berlin die „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sich für die deutschen Heimatvertriebenen einzusetzen und an ihr Schicksal zu erinnern.

Sie, die Vertriebenen und ihre Nachkommen, die Landsmannschaften und Landesverbände des Bundes der Vertriebenen, leisten sehr viel, um diese Aufgabe zu erfüllen. Aber Sie können und Sie sollen diese Aufgabe nicht allein erfüllen. Wir alle, die wir in der Gesellschaft, in Kirchen, Medien und Politik Verantwortung tragen, können unseren Teil dazu beitragen.Angela Merkel, Tag der Heimat 2014 1)Angela Merkel, Tag der Heimat 2014 in Berlin (30. August 2014)

Mit klaren Worten schilderte Angela Merkel die „Schrecken von Flucht und Vertreibung“: Der Verlust der Heimat von „rund 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene“, der Verlust von Haus und Hof, Hab und Gut, z.T. Verlust der Familie, Misshandlungen, Vergewaltigungen, Verschleppungen, grausame Ermordungen: „Diese Erlebnisse und das Gefühl des Heimatverlustes begleiteten und begleiten die Vertriebenen ihr Leben lang.“

Die deutsche Bundeskanzlerin betonte auch die über 700 Jahre alte Siedlungsgeschichte Deutscher in Schlesien, in Ostpreußen und Pommern und außerhalb des deutschen Staatsgebiets in Ost- und Südosteuropa.

Auch Deutsche, die keine familiären Wurzeln östlich der Oder haben, sollten wissen, dass Breslau, Königsberg und Stettin einmal deutsche Städte waren, dass die Ostpreußen Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Käthe Kollwitz das deutsche Kultur- und Geistesleben ebenso geprägt haben wie der Schlesier Gerhart Hauptmann oder der in Prag geborene Rainer Maria Rilke und dass die Siebenbürger Sachsen oder die Russlanddeutschen ihre eigene Kultur und ihr eigenes Brauchtum haben wie die Bayern, Sachsen oder Württemberger. Dieses Erbe ist nicht wegzudenken. Es ist ein Teil unserer kulturellen Identität in Deutschland und darüber hinaus in ganz Europa.Angela Merkel, Tag der Heimat 2014

Kein Blatt vor den Mund nahm Merkel hinsichtlich des Schicksals der Vertriebenen in ihrer jeweiligen neuen Heimat. Mussten sie in der DDR völlig darüber schweigen, so wurden sie auch in den zerbombten westlichen Besatzungszonen oftmals ausgegrenzt und diskriminiert.

Mit harter Arbeit, großem Fleiß und großer Disziplin gelang es ihnen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie gründeten ihre eigenen Verbände und traten für ihre Rechte ein. Dabei betonten sie die Bereitschaft zur Versöhnung und zum Aufbau eines geeinten Europas. Auf ihren Beitrag zum wirtschaftlichen und politischen Aufbau Deutschlands können die Vertriebenen wahrhaft stolz sein.Angela Merkel, Tag der Heimat 2014

Die Bundeskanzlerin plädiert für eine Kulturvermittlung des Bundes, die „das kulturelle Erbe und die Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ erforscht und auch für künftige Generationen lebendig hält. Bereits jetzt fördert die Bundesregierung Projekte in diesem Sinne, z.B. mit der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“.
Dieses staatlich geförderte Gedenken ist jedoch nicht unproblematisch. In offiziellen Kundgebungen, Ausstellungen und Schriftstücken wurde bislang penibel auf „politische Korrektheit“ geachtet. D.h. die Vertreibung der Deutschen muss stets so dargestellt werden, dass sie letztlich kausal von „den Deutschen“ selbst verursacht worden ist. Dieser obligatorische „rote Faden“ durchzieht leider auch die aktuelle Rede von Angela Merkel. Stellt sie zu Beginn fest, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselte, sind es gegen Ende in einer namentlichen Aufzählung zuerst Polen, die von Deutschen aus Westpreußen und Posen vertrieben wurden. Diese Aufzählung steht völlig losgelöst von dem, worauf sie wenige Sätze zuvor hinwies:

Es kam bereits am Ende des Ersten Weltkriegs und danach zu einer Vielzahl von Vertreibungen und erzwungenen Umsiedlungen. Eine Ursache dieser Vertreibungen war die radikal übersteigerte Vorstellung eines ethnisch homogenen Nationalstaats.Angela Merkel, Tag der Heimat 2014

Die von Historikern vorgegebene, mehr oder weniger unzusammenhängende Aufspaltung „Erster Weltkrieg / Zwischenkriegszeit / Zweiter Weltkrieg“ ignoriert bislang diverse kausale Rückschlüsse. Deutsche Schüler lernen zwar im Geschichtsunterricht, dass Westpreußen nach dem Ersten Weltkrieg vom Deutschen Reich abgetrennt wurde, um dem auf die europäische Landkarte zurückgekehrten Polen einen „Korridor“ an die Ostsee zu verschaffen. Doch lernen sie auch, dass diese Abtrennung gegen existierendes Völkerrecht verstieß und für die deutsche Bevölkerung dort, die plötzlich zur Minderheit wurde, gravierende Auswirkungen hatte? Wikipedia schreibt von „gewissen Repressionen“, die z.B. Deutsche in Westpreußen in den darauf folgenden Jahren („Zwischenkriegszeit“) durch die Minderheitenpolitik der Regierung Piłsudski erfuhren. Zu diesen Repressionen gehörten u.a. auch erzwungene Umsiedlungen bzw. „kalte Vertreibungen“ – also bereits vor (!) den Massendeportationen von Polen unter Hitler.

Mehr als fragwürdig ist es obendrein von „polnischen Ostprovinzen“ zu sprechen und das historisch anders einzuordnende, z.T. schwere Schicksal dieser „Ostpolen“ in einem Atemzug mit der einzigartigen Vertreibung der Deutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu nennen. Nach 1918 stellten Polen in diesen „Ostprovinzen“ (Ukraine, Litauen, Weißrussland) zunächst eine Minderheit dar. Über die dortige repressive Politik Piłsudskis hat Potsblits bereits an anderer Stelle berichtet (vgl. Polnische Ostgebiete? – Teil 1 und Deportation, Vertreibung und Umsiedlung der Ostpolen).

Die Einbettung des deutschen „Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ in den seit langem existierenden Weltflüchtlingstag am 20. Juni jeden Jahres sehen der Landesvorsitzende der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung (OMV) der CDU Nordrhein-Westfalen, Heiko Hendriks MdL, und Werner Jostmeier MdL, Beauftragter der CDU-Landtagsfraktion für Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler und Deutsche Minderheiten kritisch:

Für uns ist die Entscheidung – im Rahmen des Weltflüchtlingstages am 20. Juni ab 2015 auch einen „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ zu begehen – eine Enttäuschung, da dieser Beschluss gegenüber den Beschlüssen der Bundesländer Bayern, Sachsen und Hessen ab 2014 jeden zweiten Sonntag im September als eigenen Gedenktag für die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung zu begehen, zurückfällt. Dem Anlass angemessener wäre unserer Ansicht nach, einen nationalen Gedenktag nach diesem Länder-Vorbild einzurichten, bei dem die eigene deutsche Geschichte im Vordergrund steht.OMV NRW 2)Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung der CDU NRW

Quellen   [ + ]

1. Angela Merkel, Tag der Heimat 2014 in Berlin (30. August 2014)
2. Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung der CDU NRW
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