Vergebung bedeutet nicht Vergessen

Der russisch – orthodoxe Patriarch Kyrill I. besucht Polen und unterzeichnet gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz der katholischen Kirche in Polen eine Gemeinsame Erklärung zur Versöhnung zwischen beiden Nationen. Dies ist international auf viel Zustimmung und Freude gestoßen. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sieht Parallelen zur deutsch-polnischen Aussöhnung. Ein Blick „hinter die Kulissen“.

„Vergeben und vergessen“ sagt der Volksmund. Stimmt das wirklich? Muss ich, um jemandem vergeben zu können, das Unrecht, das er mir angetan hat, vergessen?
Vergebung bedeutet zunächst, dass ich auf die gerechte Strafe, die eine Unrechtstat verdient, verzichte. Dabei ist Vergebung nur dort möglich, wo der Täter Reue und den Willen zur Sühne zeigt. Sühne wiederum bedeutet z.B., dass ein Mensch, der schuldig geworden ist, diese Schuld durch eine Ausgleichsleistung aufhebt oder mindert. (Wikipedia). – In dem Wort „Versöhnung“ steckt „Sühne“, welches vom mitteldeutschen „versuenen“ kommt.

Eine wichtige Rolle bei der oftmals komplizierten Aussöhnung zwischen Menschen und Nationen bilden die christlichen Kirchen. Doch auch sie können nicht einfach mittels eines Federstrichs historische Spaltungen und nur halbwegs vernarbte Wunden vom Tisch wischen. Deshalb beschränken sich die Vertreter der christlichen Kirchen und Gemeinschaften meist auf mehr oder weniger eindringliche Versöhnungs-Appelle.

Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, und der orthodoxe Moskauer Patriarch Kyrill I. betonen in der Gemeinsamen Erklärung, die sie am 17. August 2012 im Warschauer Königsschloss unterzeichneten:

Natürlich bedeutet Vergeben nicht Vergessen. Die Erinnerung ist schließlich ein essentieller Teil unserer Identität. Wir schulden sie auch den Opfern der Vergangenheit, die gelitten haben und ihr Leben für die Treue zu Gott und ihrem Vaterland gegeben haben. Dennoch: Vergeben bedeutet, auf Rache und Hass zu verzichten und mitzumachen beim Bau der Eintracht und der Brüderlichkeit unter den Menschen, unter unseren Völkern und Staaten. Und das ist das Fundament für eine Zukunft in Frieden.(Russisch-polnische Gemeinsame Erklärung 2012)1)Russisch-polnische Gemeinsame Erklärung 2012, URL: http://www.radiovaticana.org/ted/articolo.asp?c=613363 – abgerufen am 20.08.2012

Die historische Aufarbeitung der „Tragödien und Dramen der Vergangenheit“ werde jetzt zu einer dringenden Aufgabe für die Historiker und die Spezialisten. Deren Anstrengungen würden dabei helfen, „die historische Wahrheit unverfälscht kennenzulernen, Zweifel zu klären und negative Stereotypen zu überwinden“.
„Wir sind davon überzeugt“, so die beiden Kirchen, „dass eine dauerhafte Versöhnung als Fundament einer friedlichen Zukunft nur auf der Basis der vollen Wahrheit über unsere gemeinsame Vergangenheit möglich ist.“

Die volle Wahrheit

Gehen wir ca. 50 Jahre zurück in die Vergangenheit: Der „Hirtenbrief“ (!) der polnischen Bischöfen an ihre „deutschen Amtsbrüder“ (18. November 1965) – der ja die russisch-polnischen Versöhnungsbemühungen inspiriert haben soll – lässt die oben beschriebene, politisch auf Distanz gehende und „seelsorgerliche Haltung“ kirchlicher Versöhnungsbemühungen vermissen. Die polnischen Bischöfe versteigen sich in diesem berühmt gewordenen „Briefwechsel“ zu einseitigen bzw. verkürzenden historischen Aussagen. Wie einen nassen Waschlappen schlagen sie ihre (polnischen) Geschichtsauffassungen den deutschen Oberhirten um die Ohren. En passant machen sie z.B. aus der Hl. Hedwig von Andechs-Meran, Landespatronin von Schlesien, eine polnische Nationalheilige oder definieren den Österreicher Adolf Hitler als „Endpunkt der Preußen, die alles Deutsche in polnischen Landen in allgemeinen Verruf brachten“.2)Hirtenbrief der polnischen Bischöfe

Die lange und unmissverständliche Liste von Unrechtstaten, die die polnische Nation seitens der Deutschen im Laufe der Geschichte erfahren hat (Kardinal Karol Wojtyla) mündet schließlich in der vermessenen politischen Aussage, dass die Westgebiete für Polen eine Existenzfrage seien…

Trotz all dieser fragwürdigen historischen Aufzählungen und indirekten politischen Forderungen aus dem Mund von hochrangingen geistlichen Würdeträgern hat das Dokument Berühmtheit erlangt… Weshalb? Ganz allein aus dem Grund, weil am Schluss dieses „Hirtenbriefs“ eine Vergebungsbitte steht: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ – Bei Kenntnisnahme des Inhalts des Briefes drängt sich allerdings unweigerlich die Frage auf: Wofür eigentlich bitten die polnischen Bischöfe um Vergebung?
Diese Frage sollte durchaus beantwortbar sein, damit die Vergebungsbitte nicht substanzlos stehen bleibt. Zudem sollte sich die katholische Kirche Polens dazu erklären, warum sie ein paar Monate später nach öffentlichem Protest in einem „Fastenhirtenbrief“ (10. Februar 1966) diese Vergebungsbitte widerrufen hat!

Wer Wiedergutmachung will, muss sie fordern auf Grund der Sittenordnung, der Achtung vor den unverletzlichen Naturrechten, die auch jenen noch verbleiben, die sich dem Sieger bedingungslos ergeben haben.Ansprache von PP. Pius XII. an das Hl. Kollegium vom 24.12.19453)Erklärungen von Papst Pius XII. (1939-1958)

Vergebung bedeutet nicht Vergessen – Die Annexion Ostdeutschlands und die Vertreibung der angestammten Bevölkerung muss ausdrücklich und immer wieder neu als schweres Unrecht ins Bewusstsein gerückt werden. Mit der Gewissensläuterung sollte Polen aufrichtigerweise in den eigenen Reihen beginnen. Die Beteiligung bzw. Verstrickung hochrangiger kirchlicher Würdenträger in die Annexion- und Vertreibungs-Verbrechen (z.B. Kardinal Hlond) muss als Unrecht und Sünde begriffen werden. Dieser Läuterungsprozess mag lange und schmerzhaft sein, aus christlicher Perspektive ist er jedoch unverzichtbar.

Quellen   [ + ]

1. Russisch-polnische Gemeinsame Erklärung 2012, URL: http://www.radiovaticana.org/ted/articolo.asp?c=613363 – abgerufen am 20.08.2012
2. Hirtenbrief der polnischen Bischöfe
3. Erklärungen von Papst Pius XII. (1939-1958)
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