Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes

Konrad Adenauer (1876-1967), der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, nahm in seiner Regierungserklärung am 20. September 1949 vor dem am 14. August 1949 gewählten 1. Deutschen Bundestag Stellung zur Oder-Neiße-Frage. Adenauer wieß darauf hin, dass die Vertreibung der Ostdeutschen „in vollem Gegensatz zu den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens vorgenommen worden ist“. Neben dem US-Außenminister James F. Byrnes (1879-1972) ließ auch der englische Premierminister Winston Churchill (1874-1965) erkennen, dass Großbritannien die Ansprüche Polens auf die Oder-Neiße-Linie nicht unterstützen werde.

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer (Foto: Katherine Young, New York)1)Bildquelle: Katherine Young, New York, 1952. Das Bundesarchiv B 145 Bild-F078072-0004, Lizenz: CC BY-SA 3.0 de – abgerufen am 10.01.2009

Wörtlich sagte Konrad Adenauer2)20.09.1949 – Regierungserklärung Konrad Adenauer:

„[…]

Lassen Sie mich nun zu Fragen übergehen, die uns in Deutschland außerordentlich am Herzen liegen und die für unser gesamtes Volk Lebensfragen sind. Es handelt sich um die Abkommen von Jalta und Potsdam und die Oder-Neiße-Linie. Im Potsdamer Abkommen heißt es ausdrücklich: Die Chefs der drei Regierungen – das sind die Vereinigten Staaten, England und Sowjetrussland – haben ihre Ansicht bekräftigt, dass die endgültige Bestimmung der polnischen Westgrenze bis zur Friedenskonferenz vertagt werden muss.

Wir können uns daher unter keinen Umständen mit einer von Sowjetrussland und Polen später einseitig vorgenommenen Abtrennung dieser Gebiete abfinden.

Diese Abtrennung widerspricht nicht nur dem Potsdamer Abkommen, sie widerspricht auch der Atlantik-Charta vom Jahre 1941, der sich die Sowjet-Union ausdrücklich angeschlossen hat.

Die Bestimmungen der Atlantik-Charta sind ganz eindeutig und klar. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat durch Beschluss vom 3. November 1948 die Großmächte aufgefordert, nach diesen Prinzipien baldmöglichst Friedensverträge abzuschließen. Wir werden nicht aufhören, in einem geordneten Rechtsgang unsere Ansprüche auf diese Gebiete weiter zu verfolgen.

Ich weise darauf hin, dass die Austreibung der Vertriebenen in vollem Gegensatz zu den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens vorgenommen worden ist.

In diesem Potsdamer Abkommen ist nur von einer Umsiedlung der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn verbliebenen deutschen Bevölkerung die Rede, und es war vereinbart worden, dass jede stattfindende Umsiedlung auf organisierte und humane Weise vorgenommen werden sollte. Es fällt mir sehr schwer, meine Damen und Herren, wenn ich an das Schicksal der Vertriebenen denke, die zu Millionen umgekommen sind, mit der notwendigen leidenschaftslosen Zurückhaltung zu sprechen. Ich darf aber darauf hinweisen, dass kein Geringerer als Winston Churchill bereits im August 1945 im britischen Unterhaus öffentlich und feierlich nicht nur gegen die Praxis der Massenaustreibung Protest eingelegt hat.

Die Massenaustreibung nannte Churchill eine „Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes“, und er deutete an, dass eine unerhört große Zahl von diesen Vertriebenen einfach verschwunden sei. Am 10. Oktober 1945 stellte der britische Außenminister Bevin fest, dass Großbritannien in keiner Weise verpflichtet sei, die Ansprüche Polens auf die die Oder-Neiße-Linie zu unterstützen. Die gleiche Feststellung traf der frühere amerikanische Außenminister Byrnes am 6. September 1946 in seiner bekannten Rede in Stuttgart. Die Bundesregierung wird allen diesen Fragen die größte Aufmerksamkeit widmen und sich dafür einsetzen, dass auch das uns zustehende Recht geachtet wird.

[…]“

Quellen   [ + ]

1. Bildquelle: Katherine Young, New York, 1952. Das Bundesarchiv B 145 Bild-F078072-0004, Lizenz: CC BY-SA 3.0 de – abgerufen am 10.01.2009
2. 20.09.1949 – Regierungserklärung Konrad Adenauer
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