Die Sprache der Quellen

„Die Quellen sprächen eine andere Sprache“. So hieß es gestern in einer Sendung des Deutschlandfunkes, bei der es vordergründig um die „primäre Kriegsschuld“ der deutschen Großindustrie am Ausbruch des 1. Weltkriegs ging und hintergründig um die des Deutschen Reiches.

Historiker im In- und Ausland hatten vor allem in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Verantwortung für den Kriegsausbruch 1914 diskutiert. In der „Fischer-Kontroverse“ untermauerte der Hamburger Historiker Fritz Fischer (+1999) in akribischer Arbeit ein imperialistisches Hegemonialstreben des Deutschen Reiches im Europa vor 1914.1)Fischer Kontroverse – abgerufen am 18.10.2013
Nun berichtete der Deutschlandfunk von einer Konferenz in Mannheim, die u.a. die Rolle deutscher Unternehmen bezüglich des Ersten Weltkriegs neu bewertet. Auch in der Kriegsschuldfrage des Deutschen Reichs insgesamt würde es neue Sichtweisen geben:

„Lange Zeit galt in der historischen Forschung zum Ersten Weltkrieg als unumstritten, dass vor allem die deutsche Großindustrie ein Interesse am Ausbruch der Feindlichkeiten hatte, um sich neue Absatz- und Rohstoffmärkte zu erobern. Doch ähnlich wie bei der großen Debatte um die primäre Kriegsschuld des Deutschen Reiches beginnt sich auch hier ein Umdenken abzuzeichnen. Die Quellen, so der Frankfurter Historiker Werner Plumpe, sprächen eine andere Sprache.“Deutschlandfunk, Abgeschnitten von den Weltmärkten2)Die Rolle deutscher Unternehmen im Ersten Weltkrieg wird neu diskutiert – abgerufen am 18.10.2013

Hundert Jahre nach Beginn des 1. WK entdecken Historiker also ganz plötzlich, dass die Quellen „eine andere Sprache sprechen“? Konkret gefragt: Wie kann es sein, dass der Frankfurter Historiker Werner Plumpe quasi aus heiterem Himmel eine „unumstrittene These“ der Geschichtswissenschaft mit Verweis auf die Quellen für obsolet erklärt? Entweder haben Generationen von Historiker jahrzehntelang einfach nur geschlafen und nicht ihren Job getan, oder der Historiker Gerhard Ritter (+1967) hatte Recht, wenn er von einer „Selbstverdunkelung des deutschen Geschichtsbewußtseins seit 1945“ sprach?

Für viele Historiker war es auf jeden Fall bislang einfacher, diejenigen Kollegen als „revisionistisch“ zu stigmatisieren, die kritischer als sie mit den Quellen umzugehen wussten und die „primäre Kriegsschuld“ Deutschlands relativierten. Weil auch Geschichtslügen kurze Beine haben, setzt nun offenbar das vom Deutschlandfunk postulierte „Umdenken“ ein. Nichtsdestotrotz mutet es wie eine orwellsche Manipulation an, eine bisherige Unstrittigkeit der Kriegsschuld-Thesen in der historischen Forschung zu suggerieren.

Vermutlich werden manche Historiker in dreißig, vierzig Jahren auch ganz plötzlich entdecken, dass die Quellen zu den Ereignissen rund um den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegsverbrechen „eine andere Sprache sprechen“. Wird es dann ebenfalls heißen, dass dieses und jenes in der historischen Forschung „lange Zeit als unumstritten“ galt – z.B. dass die Vertreibung vieler Deutscher lediglich eine Folge des Zweiten Weltkriegs gewesen sein soll und die Deutschen selbst daran schuld gewesen waren?

Quellen   [ + ]

1. Fischer Kontroverse – abgerufen am 18.10.2013
2. Die Rolle deutscher Unternehmen im Ersten Weltkrieg wird neu diskutiert – abgerufen am 18.10.2013
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