Explosive Frage

William Daniel Leahy (1875-1959), der erste Flottenadmiral der US Navy und damit Mitglied des US-Generalstabs, nahm auch an der Potsdamer Konferenz vom 17.07. bis 2.08.1945 teil. In der fünften Plenarsitzung am 21. Juli 1945 wurde ausführlich über die „Polnische Westgrenze“ beraten. W.D. Leahy, der am Konferenztisch unmittelbar zur linken Hand von Stalin saß, erinnert sich in seinem Buch „I was there“…

konferenztisch
Potsdamer Konferenz, Konferenztisch1)Bildquelle: Das Bundesarchiv, Bild 183-R67561, Lizenz: CC-BY-SA – abgerufen am 14.01.2009

„Während dieser fünften Zusammenkunft nahmen die Großen Drei schließlich die explosive Frage der polnischen Westgrenze auf, und es folgte eine lange Aussprache, die wenig Gutes verhieß.

Es ergab sich, dass Stalin dem neuen Polen von der vereinbarten russischen Besatzungszone Gebiet westlich der Oder bis zur Neiße gegeben hatte. Churchill wies darauf hin, dass dieses Gebiet ein Drittel der Ackerfläche des deutschen Vorkriegsgebietes und große Bodenschätze umfasse. Stalin hatte tatsächlich am 21. April 1945 mit dem neuen Regime einen Vertrag abgeschlossen – gerade zu der Zeit, als der in Jalta eingesetzte Ausschuss in Moskau versuchte, zu einem Einvernehmen über die Umgestaltung der polnischen Regierung zu kommen.

Beide Handlungen waren von Russland vorgenommen worden, ohne die Alliierten zu befragen. Stalin versuchte zu erklären, dass er Polen nicht eigentlich eine Besatzungszone gegeben, sondern ihm nur gestattet habe, „die notwendigen Regierungsaufgaben dort zu übernehmen“.

Diese tatsächliche Übertragung deutschen Eigentums hatte im Dreimächte-Reparationsausschuss, der seine Tagungen mit den jetzt in Potsdam stattfindenden zusammengelegt hatte, jeden praktischen Fortschritt aufgehalten. Dieses einseitige sowjetische Vorgehen hatte die Möglichkeit ausgeschlossen, die Bevölkerung Deutschlands aus der deutschen Landwirtschaft und Industrie zu erhalten.

Der Generalissimus gab nicht zu, sich bei der Zuweisung dieses deutschen Gebietes an Polen geirrt zu haben, obgleich in Jalta2)Dokumente: Beschluss der Konferenz von Jalta immer und immer wieder gesagt und im Krim-Protokoll vereinbart worden war, dass die Westgrenze Polens auf der Friedenskonferenz festgelegt würde. Der sowjetische Führer sagte einfach, die von ihm getroffene Regelung könne nicht geändert werden.

Der [US-] Präsident erklärte scharf, das fragliche Gebiet müsse im Hinblick auf die Reparationen und die Lösung der gesamten deutschen Frage ein Teil Deutschlands bleiben, wie es in Jalta vereinbart worden sei. Er werde dem russischen Vorschlag, die polnischen Grenzen in Potsdam festzulegen, nicht zustimmen (und er hat dies auch bis 1949, als diese Zeilen geschrieben wurden, nicht getan).

Ich war der Ansicht, dass Russland sein Vorgehen nicht rückgängig machen werde und dass wir oder die Briten nichts dagegen tun könnten. Wir hätten sonst bereit sein müssen, militärische Maßnahmen zu treffen, um das sowjetische fait accompli wieder zu beseitigen. Als Gegengift schlug ich auf einem Zettel eilig vor, dass Rheinland an England zu übertragen, worüber Truman lächelte.“

Aus: W. D. Leahy, I was there, S. 4743)Zitiert nach: Rhode, G. u. Wagner, W.: Quellen zur Entstehung der Oder-Neiße-Linie, Bd. III, Brentano-Verlag, Stuttgart, 1956, S. 231f.

Quellen   [ + ]

1. Bildquelle: Das Bundesarchiv, Bild 183-R67561, Lizenz: CC-BY-SA – abgerufen am 14.01.2009
2. Dokumente: Beschluss der Konferenz von Jalta
3. Zitiert nach: Rhode, G. u. Wagner, W.: Quellen zur Entstehung der Oder-Neiße-Linie, Bd. III, Brentano-Verlag, Stuttgart, 1956, S. 231f.
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