Polnische Ostgebiete? – Teil 3
Die hier geäußerten Gedanken zum “allpolnischen Territorialprogramm” im Rahmen der Artikelserie zu den “polnischen Ostgebieten” sind dem 7. Kapitel des Buches “Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges” von Roland Gehrke entnommen. Bei diesem gut zu lesenden, informativen und aufschlussreichen Buch handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung der Dissertation Gehrkes von 1999 im Fachbereich Geschichte an der Universität Hamburg.

Jan Ludwik Popławski1
Dass im stark fragmentierten Ostmitteleuropa ethnisch “saubere” Grenzen zwischen den einzelnen Nationalitäten kaum zu ziehen waren, war ihm [Wysłouch] dabei wohl bewusst, der Absonderung fremder Volksgruppen durch die Grenzziehung gab er aber allemal den Vorzug vor der Gewährung von Minderheitenrechte an sie.2
Popławski schwebte ein weit nach Osten reichender polnischer Großstaat vor, wobei er Litauen, Weißrussland und die Ukraine als legitimes “politisches Eigentum” und “historisches Erbe” Polens betrachtete. Polen seien in diesen Gebieten zwar eindeutig in der Minderheit (gemäß Popławski nur 20%; vgl. J.L.Popławski, Nasze stanowisko na Litwie i Russi [Unsere Stellung in Litauen und Ruthenien], in: “Przegląd Wszechpolski” 1896, Nr. 8, S. 170f.), doch seien sie zivilisatorisch vorherrschend und prägend!
Dieses Prinzip der ökonomischen und kulturellen Dominanz erkannten jedoch weder Popławski noch der Nationaldemokrat Dmowski für Oberschlesien und Masuren an, wo die jahrhundertelange Prägung durch die deutsche Kultur und Zivilisation nicht in Abrede zu stellen war. Der “Schlüssel” für diesen Widerspruch liegt in einem an keine übergeordnete Moral gebundenen “nationalen Egoismus”, der von den nationalistischen Kräften Polens als oberste Handlungsmaxime propagiert wurde. Popławski selbst formulierte seine entsprechende Vorstellungen im Przegląd Wszechpolski mit entwaffnender Offenheit:
Jede Politik – ob nun preußisch oder polnisch – ist in ihren Beziehungen zu anderen Nationalitäten von räuberischer Natur (zaborczy), sie muss immer nach der Eroberung neuer oder der Wiedergewinnung verlorener Territorien streben.J.L.Popławski: Polityka polska w zaborze pruskim [Die polnische Politik im preußischen Teilgebiet], in: “Przegląd Wszechpolski” 1899, Nr. 1, S.2, zitiert nach: Gehrke, Westgedanke, 197.
In diesem “räuberischen Sinne” spielten die “Westgebiete” (d.h. das historische Ostdeutschland) im “allpolnischen” Territorialprogramm der Nationalisten stets die Hauptrolle.
Quellen und weiterführende Hinweise
Potsblits: Polnische Ostgebiete? – Teil 1
Potsblits: Polnische Ostgebiete? – Teil 2
