Memorandum eines US-Diplomaten

Ein Memorandum von US-Diplomat Robert D. Murphy (1894–1978) vom 12. Oktober 1945 an das US State Department über die Tragödie der Vertreibung der ostdeutschen und sudetendeutschen Bevölkerung. Hat Amerika, das gegen das nationalsozialistische Terrorregime angetreten war, sich selbst in Verbrechen gegen die Menschheit verstrickt?

Memorandum von US-Diplomat Robert D. Murphy1)United States Department of State, Foreign relations of the United States: diplomatic papers, 1945. General : political and economic matters. Volume II, Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1945, S. 1290ff. (FRUS) – Übersetzung von Potsblits, basierend auf Alfred M. de Zayas: Die Nemesis von Potsdam, Herbig-Verlag, München, 2005, S. 189.:

Ich soll dem Auswärtigen Amt meine Sicht der Dinge, die, wie ich weiß, unseren Behörden bereits bewusst sind, darlegen, die jedoch, wie ich fühle, nur klar verständlich sind auf dem Hintergrund persönlicher Eindrücke vieler Amerikaner, die jeden Tag Zeugen des alltäglichen Schauspiels sind.

Der beständige Fluss von tausenden von enteigneten deutschen Flüchtlingen aus den Ostgebieten hält an. Auf den Landstraßen sich dahinschleppend, ihre Siebensachen auf dem Rücken oder in kleinen Wägelchen und Kinderwagen mit sich tragend, die allermeisten von ihnen Frauen, Kinder und alte Leute, in allen Zustandsformen von Ermüdung, Erschöpfung und Krankheit – viele von ihnen aus der armen und kleinbäuerlichen Schicht – präsentieren sie ein mitleiderregendes Bild. Die meisten von ihnen wurden vom Land und aus den Städten Deutschlands östlich der Oder-Neiße-Linie vertrieben. Am Lehrter Bahnhof in Berlin stellen alleine unsere ärztlichen Behörden fest, dass durchschnittlich zehn pro Tag an Erschöpfung, Unterernährung und Krankheit sterben. Der Anblick des Elends und der Verzweiflung dieser armen Wesen und der Geruch ihrer verschmutzten Verfassung lassen unmittelbar an Dachau und Buchenwald erinnern. Hier ist Vergeltung im großen Umfang, vollzogen jedoch nicht an den Parteibonzen, sondern an Frauen, Kindern, den Armen und den Kranken. Die große Mehrheit sind Frauen und Kinder. Ein paar wenige leistungsfähige deutsche Männer im Alter zwischen Zwanzig und Fünfzig. Das hält nun schon seit Wochen so an, wie das Auswärtige Amt bereits weiß, und obwohl es etwas weniger wird, ist ein Ende noch nicht in Sicht.

 […]

Dass Wissen darüber, dass sie Opfer harter politischer Entscheidungen sind, die mit äußerster Rücksichtslosigkeit und unter Missachtung der Menschlichkeit durchgeführt wurden, dämpft nicht die Auswirkung. Die Erinnerung an andere Massendeportationen wird wach. Sie haben die Welt in Schrecken versetzt und den Nazis den Hass zugezogen, den sie verdienten. Diese von den Nazis organisierten Massendeportationen haben zu unserer moralischen Empörung beigetragen, in der wir den Krieg wagten und die unserer Sache Kraft verlieh.

Nun ist die Situation umgekehrt. Wir befinden uns in der scheußlichen Lage, Partner an diesem deutschen Unternehmen zu sein und als Partner zwangsläufig auch die Verantwortung mitzutragen. Allerdings kontrollieren die Vereinigten Staaten nicht unmittelbar die östliche Zone Deutschlands, durch welche diese hilflosen und ausgeraubten Leute ziehen, nach der Ausweisung aus ihrer Heimat. Die direkte Verantwortung liegt auf Seiten der provisorischen polnischen Regierung und in einem geringeren Maß bei der tschechischen Regierung.

[…]

In Potsdam stimmten die drei Regierungen überein, dass die Umsiedlung der Bevölkerungen in geordneter und humaner Weise erfolgen sollte, und dass Polen und die Tschechoslowakei angehalten werden sollten, vorübergehend Ausweisungen von Deutschen zu unterlassen. Trotz offizieller Zusicherung gibt es Hinweise darauf, dass beide Punkte wenig berücksichtigt wurden, insbesondere nicht von Polen.

[…]

Auch wenn die Vereinigten Staaten wohl nicht in der Lage sind, ein fortdauerndes grausames und unmenschliches Geschehen aufzuhalten, scheint es dennoch so, dass unsere Regierung ihre Einstellung, wie bereits in Potsdam kundgetan, unmissverständlich klar machen könnte und sollte. Es wäre höchst unerfreulich, wenn es einmal heißen sollte, dass wir an Methoden beteiligt waren, die wir bei anderer Gelegenheit oft verurteilt haben.

Quellen   [ + ]

1. United States Department of State, Foreign relations of the United States: diplomatic papers, 1945. General : political and economic matters. Volume II, Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1945, S. 1290ff. (FRUS) – Übersetzung von Potsblits, basierend auf Alfred M. de Zayas: Die Nemesis von Potsdam, Herbig-Verlag, München, 2005, S. 189.
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