Jewgeni Chaldej in Berlin

Noch bis zum 28. Juli 2008 ist im Martin-Gropius-Bau in Berlin die erste große Retrospektive des 1997 verstorbenen russischen Fotoreporters Jewgeni Chaldej zu sehen. Er gilt als der „Robert Capa Russlands“. Die meisten der gezeigten Fotos Chaldejs stammen aus der Sammlung Ernst Volland und Heinz Krimmer, die zugleich auch Veranstalter der von Staatsminister Gernot Erler am 9. Mai eröffneten Ausstellung sind.

Flaggenhissung auf Reichstag

Flaggenhissung auf Reichstag1)Bildquelle: Foto von Jewgeni Chaldej aus der Sammlung Ernst Volland / Heinz Krimmer

Der ukrainische Jude Jewgeni Chaldej arbeitete den ganzen Zweiten Weltkrieg hindurch als offizieller Kriegsfotograf der Roten Armee für „Fotochronik“, die sowjetische Fotoagentur der TASS. Gerne wird Chaldej mit dem französischen Fotograf und Regisseur Henri Cartier-Bresson (+2004) oder dem amerikanischen Kriegsreporter Robert Capa (+1954 durch eine Tretmine im 1. Indochina-Krieg) verglichen.

Einige Fotos Chaldejs sind zu Ikonen der Fotogeschichte geworden. Insbesondere die Flaggenhissung sowjetischer Soldaten auf dem Reichstagsgebäude in Berlin. Neben dem Porträt des Revolutionärs Che Guevara von Alberto Korda ist es das meistgedruckte Motiv überhaupt. Da verwundert es nicht, dass es auch kritische Stimmen zu diesem Foto gibt. Manche sehen in dem Bild sogar eine Fotomontage aus dem Studio, und sie unterstellen Chaldej nie am Ort des Geschehens gewesen zu sein.

Tatsächlich handelt es sich bei Chaldejs Foto um eine Inszenierung – allerdings nicht aus dem Studio. Ähnlich wie das berühmte Foto der amerikanischen Flaggenhissung auf der japanischen Insel Iwojima wurde es post eventum geschossen, nämlich am 2. Mai 1945. Der Reichstag aber wurde bereits am 30. April gestürmt. Obwohl die Kämpfe im Gebäude noch andauerten, versuchten die Soldaten nachts die sowjetische Flagge auf dem Dach des deutschen Reichstags anzubringen – ein symbolischer Akt! Allerdings wurde er nicht fotografiert, weil entweder keine Kamera verfügbar oder weil es bereits zu dunkel war.

Ein BBC-Team fand 1996 nach einem Besuch bei Überlebenden der Reichstagserstürmung schließlich heraus, dass die offiziell geehrten Soldaten gar nicht an der Foto-Inszenierung beteiligt waren. Wer nun wirklich die Fahne angebracht hat, wird wohl weiterhin ein Streitpunkt für Wissenschaftler bleiben. Stalin soll aber definiert haben, dass es ein georgischer Soldat war, ein Landsmann also.

Ein winziges Detail auf dem berühmten Foto hat noch mehr Furore gemacht als das Foto selbst oder die Frage nach der Identität der Soldaten: Einer der Soldaten, der den Flaggenhisser stützt, trug zwei Uhren. An jedem Handgelenk eine. Die Beute privater Raubzüge durfte sich aber nicht auf einem Siegesfoto wiederfinden. Da dies an der Ehre der „siegreichen und ruhmhaften Roten Armee“ gekratzt hätte, kratzte man nun statt dessen am Foto. In einer Filmdokumentation von Marc-Henri Waynberg aus dem Jahr 1997 schilderte Chaldej, kurz vor seinem Tod, die Retusche: „Ich flog nach Moskau zurück und ging sofort in die Redaktion der TASS und entwickelte den Film. Ein Kollege machte mich auf die beiden Armbanduhren aufmerksam. Ich nahm eine Nadel und kratzte eine Uhr aus dem Negativ.”

Der eine oder andere mag über solche „Kleinlichkeit“ heute verwundert den Kopf schütteln, angesichts der 7,99 Euro – Uhren bei Lidl oder ALDI mit „3 Jahren Garantie und hochwertigem Lederarmband“… Damals hörten aber viele Deutsche das gierige „Uhri, Uhri“ manches Rotarmisten und nicht wenige mussten eine falsche Reaktion mit dem Leben bezahlen. Plünderungen gehören eben zu den schmutzigen Seiten des Krieges und die „passten einfach nicht ins Bild“.

Jewgeni Chaldej zählt als ein „Meister des Augenblicks“ obgleich er den Moment der historischen Flaggenhissung quasi verpasst hatte. Seit seiner Kindheit, in der er versuchte, eine Kamera aus Brillengläsern zu basteln, habe ihn „der zum Stillstand gebrachte Augenblick“ fasziniert. Obgleich er nie eine fotografische Ausbildung genossen hatte, war Chaldej sehr erfolgreich tätig. Nach dem Krieg wurde er als offizieller sowjetischer Fotogarf auch für die Potsdamer Konferenz und für das Nürnberger Tribunal akkreditiert. Hätte er in den USA gelebt, sagte der lange Zeit in einer einfachen Wohnung in Moskau lebende Chaldej einmal, würde er jetzt in einer Villa mit Swimmingpool wohnen…

Das Geheimnis der Fotos Chaldejs ist, dass er nie mit kaltem Blick fotografierte, sondern stets eine affektive Beziehung zum Abgebildeten aufbaute. Man könnte es Empathie nennen. 1993 sagte Chaldej in einem Interview über die fünfzig Jahre zuvor fotografierten Soldaten im Zweiten Weltkriegs: „Ich weiß noch, wie jeder Einzelne hieß, worüber wir miteinander gesprochen haben, auch wie er gefallen ist. Wir waren alle gute Freunde.“

Bernd Hüppauf (Deutsch-Professor an der New York University) schreibt im begleitenden Ausstellungskatalog, dass Chaldejs Bilder „davor zurückschrecken, große Taten festzuhalten, um zu einer Geschichte des Heroischen beizutragen.“ Die Aufnahme vom deutschen Reichstag gehört zu den wenigen Ausnahmen die deutlich machen, dass das Werk Jewgeni Chaldejs zwischen freier Fotografie und Auftragsfotografie oszillierte. Dieses Spannungsverhältnis von Propaganda und Dokumentation möchte die Gesamtschau in Berlin mit einer repräsentativen Auswahl der Bilder Chaldejs widerspiegeln.

Quellen   [ + ]

1. Bildquelle: Foto von Jewgeni Chaldej aus der Sammlung Ernst Volland / Heinz Krimmer
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