Heimatvertriebene im Südwesten

Unter dem Titel „Heimatvertriebene im Südwesten“ fand vom 17. bis 18. November 2007 im Tagungshaus Weingarten der Katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine wissenschaftliche Erörterung der kirchlichen Intergration und gesellschaftlichen Auswirkung der Heimatvertreibung bzw. der Heimatvertriebenen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Bundesland Baden-Württemberg statt.

Podiumsdiskussion in Weingarten
Podiumsdiskussion in Weingarten
(Foto: Potsblits)

Etwa 60 Personen nahmen an dieser wissenschaftlichen Tagung im Süden Baden-Württembergs teil. Verschiedene Referenten gingen der Frage nach, wie die Integration der Massen an deutschen Heimatvertriebenen, die vor über 60 Jahren aus Ostdeutschland und Süd-, Ost-, und Mitteleuropa in den Westen strömten ganz konkret im Südwesten Deutschlands in die Praxis umgesetzt wurde.

Dr. Rainer Bendel, Kirchenhistoriker aus Tübingen, zitierte in seinem Vortrag „Von der Seelsorge zur Pastoral. Vertriebene im Bistum Rottenburg als Katalysatoren einer Neuorientierung?“ u. a. den renommierten katholischen Publizisten Otto B. Rögele. Rögele schrieb den deutschen Heimatvertriebenen in der Situation der Neuorientierung des deutschen Katholizismus nach dem Zweiten Weltkrieg eine „Katalysatorfunktion“ zu. Der deutsche Katholizimus habe auf die Heimatvertriebenen zunächst „pathologisch“ reagiert und die vertriebenen Priester ausgegrenzt und die Heimatvertriebenen insgesamt als „Stiefkinder der Seelsorge“ behandelt.

Der Tübinger Pastoraltheologe Franz Xaver Arnold hingegen habe bereits 1947 für Empathie mit den „Heimatsuchenden“ geworben, die nicht alleine die Last des verlorenen Krieges tragen dürften. Man solle sie nicht als Bittsteller betrachten, sondern als Menschen, die zurecht einen Arbeitsplatz, Wohnung und entsprechendes Vermögen einfordern.

Unter dem Dach der Caritas wurde schon im Juni 1945 flächendeckend in den verschiedenen Landkreisen mit dem Aufbau von „Kreiscaritasstellen“ begonnen. Im Südwesten prägten vor allem der Schlesier Konrad Theiss und der Ungarndeutsche Ludwig Leber diese Caritas-Flüchtlingsarbeit entscheidend. Sie halfen den Flüchtlingen und Vertriebenen bei der Wohnungssuche, bei Familienzusammenführungen, bei Gesetzesfragen und beim Existenzaufbau.


Weitere Vorträge der Tagung waren:

Die Vertriebenenseelsorge in der Diözese Rottenburg im kirchen- und gesellschaftspolitischen Kontext
Prof. Dr. Joachim Köhler

Die Vertriebenenverbände als Katalysatoren der Eingliederung in Kirche und Gesellschaft
Rudolf Fath

Inititativen der Bistumsleitung. Domkapitular Alfons Hufnagel und der „Hufnagel-Kreis“
Dr. Rainer Bendel

Religion als Heimat und Konfliktfeld. Populäre Frömmigkeit zwischen Anpassung und Eigensinn
Dr. Elisabeth Fendl

Dr. Angelika Overath las aus ihren verschiedenen Büchern vor, in denen sie sich mit der Heimat ihrer Mutter im Sudetenland auseinandersetzt.
Marco Eberhard stellte am Beispiel der Gemeinde St. Johannes den „totalen Neuanfang“ von heimatvertriebenen Katholiken in Nürtingen dar.

Der Rottenburger Bischof Dr. Gebhard Fürst feierte mit den Tagunsgästen einen Gottesdienst in der beeindruckenden Basilika von Weingarten.

Am Ende der Tagung zog Dr. Mathias Beer vom Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen eine Bilanz, in der er die Ergebnisse der „Flüchtlingsforschung“ im deutschen Südwesten zusammenfasste. Eine rege Diskussion schloss sich an.

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