Lebensunwertes Leben?

In sechs Gasmordanstalten im „Dritten Reich“ wurden mit Beginn des Zweiten Weltkriegs in einem Vernichtungsfeldzug nach innen von 1939 bis 1945 schätzungsweise 200.000 Menschen aus Deutschland Opfer der NS-„Euthanasie“. Sie waren geistig oder körperlich behindert, so genannte „jüdische Mischlingskinder“ in Fürsorgeeinrichtungen, psychisch krank oder einfach sozial missliebig. Sie entsprachen nicht dem nationalsozialistischen Ziel der Höherentwicklung der eigenen Rasse. Dazu kam eine utilitaristische, zweckrationale Argumentation, um die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ zu legitimieren. Durch die Ermordung der „Ballastexistenzen“ sollten die öffentlichen Finanzen entlastet, Nahrungsmittel eingespart, Pflegepersonal freigesetzt und die Anstalten selbst als Militärlazarette verwendet werden.

Mahnmal Gedenkstätte Hadamar
Mahnmal Gedenkstätte Hadamar
Foto: Potsblits

Die Gedenkstätte Hadamar im heutigen „Zentrum für soziale Psychiatrie“ (ZSP) in Hadamar in Hessen erinnert an die Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen.1)Gedenkstätte Hadamar, URL: http://www.gedenkstaette-hadamar.de – abgerufen am 3.10.2008

Die Nazis hatten sich die im Sozialdarwinismus auf die menschliche Gesellschaft übertragene Theorie Darwins vom „Kampf ums Dasein“ (survival of the fittest) auf die Fahnen geschrieben.

Die Höherentwicklung der eigenen Rasse und die Ausmerzung der „Minderwertigen“ wurde nach der Machtergreifung mit barbarischer Konsequenz umgesetzt.

Bereits am 1. Januar 1934 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (14. Juli 1933) in Kraft. Aufgrund dieses „Erbgesundheitsgesetzes“ wurden circa 400.000 Menschen in Deutschland zwangssterilisiert – bei 50% von ihnen wurde „Schwachsinn“ als Grund angegeben, wobei darunter auch „sozial missliebiges Verhalten“ zu verstehen war.

Die Realisierung der systematischen Vernichtung von Anstaltspatienten wurde im September 1939 konkret ins Auge gefasst – zeitgleich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Der Ausnahmezustand des Krieges wurde genutzt, um die schon seit 1935 geplanten Krankentötungen geheim zu halten. Nach der Schaltzentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin wurde dieses Unternehmen „T-4-Aktion“ genannt.

Schon zur Zeit der Weimarer Republik wurde der Vorwurf laut, die Tüchtigen und Starken hätten während des 1. Weltkrieges ihr Leben für den Staat geopfert, die deutsche Bevölkerung hätte gehungert, doch die Insassen der „Irrenhäuser“ hätten die notwendigen Nahrungsmittel aufgezehrt und potenzielle Lazarettbetten blockiert. Durch die Ermordung der „Ballastexistenzen“ sollten also die öffentlichen Finanzen entlastet, Nahrungsmittel eingespart, Pflegepersonal freigesetzt und die Anstalten selbst in Militärlazarette usw. umgewandelt werden.

Anfang Oktober 1939 begaben sich die Vertreter der „Aktion T4“ und des Reichsinnenministeriums auf die Suche nach geeigneten Tötungsstandorten – insgesamt wurden sechs Gasmordanstalten im Deutschen Reich eingerichtet: In Grafeneck in Württemberg, Brandenburg a.d. Havel, Bernburg a.d. Saale, Sonnenstein bei Pirna, Hartheim bei Linz und in Hadamar bei Limburg. In letzterer ließ die „T4“-Zentrale Ende 1940 eine Gaskammer, ein Sezierraum und zwei Verbrennungsöfen installieren.

Zwischen 1941 und 1945 sind in der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt“ etwa 15.000 psychisch kranke und geistig oder körperlich behinderte Menschen von Ärzten, Krankenschwestern und –pflegern ermordet worden – anfangs in der Gaskammer, später in den Krankenbetten.Faltblatt „Hinweise für Einzelbesucherinnen und –besucher“, Gedenkstätte Hadamar

1953 wurde in Hadamar der Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen im damaligen Hauptgebäude des psychiatrischen Krankenhauses durch die Einweihung eines Reliefs gedacht. 1964 wurde dann eine Gedächtnisstätte auf dem Anstaltsfriedhof, dort wo die Ermordeten in Massengräber beerdigt sind, eingerichtet.

Eine sehenswerte, 1991 erarbeitete Ausstellung informiert detailliert über die „Euthanasie“-Verbrechen in Hadamar. Besuchergruppen stehen Seminarräume zur Verfügung. Eine dreistündige Führung auf Wunsch beinhaltet die Einführung in das Thema, die Begehung der Ausstellung und der authentischen Kellerräume (ehemalige Gaskammer, Seziertisch, Standorte der Krematorien) und eine Abschlussdiskussion.

Grafeneck

Quellen   [ + ]

1. Gedenkstätte Hadamar, URL: http://www.gedenkstaette-hadamar.de – abgerufen am 3.10.2008
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