Sein Franzose hatte es nicht vergessen

Im Riesengebirgs-Buchkalender war 1994 eine Weihnachtsgeschichte abgedruckt, die das Zusammentreffen des ehemaligen französischen Zwangsarbeiters „François“ mit seinem vertriebenen „Chef“ Anton Weber (Namen geändert) aus dem Riesengebirge, einige Zeit nach dem Krieg, in Westdeutschland schildert. – Wenn es auch nicht jedem Zwangsarbeiter in deutscher Gefangenschaft so gut ging wie dem Franzosen in dieser Geschichte, und wenn auch nicht jeder Zwangsarbeiter, dem es so gut ging, sich in dieser Weise erkenntlich gezeigt hat, so kann diese wahre Geschichte doch ein Beispiel für Menschlichkeit und Versöhnung sein. Lesen Sie selbst…

Man mied den fremden Mann, der nach dem Krieg in den Ort gekommen war, wo er in einer kleinen Dachstube wohnte. Es waren sonst nur alteingesessene und wohlhabende Bürger hier – er aber war nur ein Rentenempfänger. Es hieß zwar, dass er einmal auch einen Besitz gehabt hätte, eine Mühle, irgendwo im Osten, – das konnte man glauben und auch nicht. Der Rock, den er trug, war jedenfalls nicht danach. Ein Mensch, dessen Gesellschaft den anderen immer ein wenig peinlich war; der Mann merkte das und blieb für sich.
Vor Weihnachten kam ein ausländischer, chromblitzender Wagen in den kleinen Ort. Ein vornehmer Herr fragte in gebrochenem Deutsch nach Anton Weber. „Mein Chef“, sagte er. „Zu Hause weit und breit bekannt als erster Bürger und hier kennt man ihn nicht…?“ – Er fand ihn in der kleinen Dachstube.

Weber war erstaunt über den Besuch. „Was wünschen Sie von mir?“ fragte er etwas verstört. „Aber Chef – ich bin doch ihr alter Franzose.“ Weber sah ihn misstrauisch an. Dieser elegante Herr. – „Ich habe doch bei Ihnen Brot gebacken…, in Ihrer Bäckerei. Zwei volle Jahre als ihr Gefangener. Sie sagten François zu mir…, und jetzt wollen Sie mich nicht mehr kennen?“
Der Alte fuhr sich über die Augen. „Sie sind wirklich dieser Franzose? Ich konnte nichts dafür, dass Sie solange bei mir arbeiten mussten… und ohne Lohn“, sagte er wie zur Entschuldigung.
„Chef, ich war ja froh, dass ich bei Ihnen sein konnte. Und dann Weihnachten – wissen Sie das nicht mehr?“

An der Wand der kleinen Kammer hing eine Fotografie. „Pardon!“ sagte der Franzose und nahm das Bild herunter, um es seiner Frau zu zeigen. Er sprach französisch mit ihr, beschrieb die Gebäude, die auf dem Bild zu sehen waren. Auf dem Wohnhaus zeigte er ihr zwei Fenster, es war die Wohnstube der Familie Weber. Hier war François mit der Familie damals um den Weihnachtsbaum gestanden. Es war streng verboten gewesen, mit einem Kriegsgefangenen Gemeinschaft zu haben. Weber hatte sich nicht darum gekümmert. Er hatte am Morgen des Weihnachtstages mit dem Posten, der den Franzosen jeden Abend abholen kam, gesprochen, dass François heute bis 22:00 Uhr nachts Brot backen müsse – nur, damit er mit der Familie Weihnachten hatte feiern können. Es hatte auch ein Geschenk für ihn gegeben. Aber dass er mit beim brennenden Christbaum hatte stehen dürfen, war sein größtes Geschenk gewesen. Damals hatte er vergessen ein Gefangener zu sein. „Und heute lade ich Sie ein Chef“, sagte der Franzose. Weber folgte ihm in den nahen Gasthof. „Meine Frau ist zu müde von der Reise. Vielleicht darf sie inzwischen auf Ihrer Couch ein wenig ausruhen?“

„Sagen Sie nicht mehr Chef zu mir, François. Das ist alles vorbei.“ Im Gasthof saßen die Honoratioren des Ortes. Der Franzose lud alle ein. „Ich möchte hier ein Fest geben“, sagte er. „Ich bin glücklich, dass ich mich bei meinem Chef ein bisschen revanchieren kann.“ Sie staunten alle, als sie den fremden Herrn erzählen hörten. „Ich bin heute wieder Besitzer meines Hotels in Marseilles“, sagte der Franzose. „Aber das war mein schönstes Erlebnis, damals bei meinem Chef.“ „Über so etwas redet man nicht François. Das war alles selbstverständlich – wir sind doch alle Menschen.“

Als die beiden zurückkamen, war die Dachstube verwandelt. Ein Christbaum stand inmitten vieler schöner Sachen. – „Sehen Sie, das Christkind hat auch Sie nicht vergessen, so sagten Sie doch damals zu mir, Chef. Heute sage ich es zu Ihnen.“ – Und dann war nur Schweigen.

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