Eine Porzellanscherbe im Graben

Als der Zweite Weltkrieg 1945 glücklicherweise zu Ende ging, begann für die deutsche Zivilbevölkerung (vor allem Alte, Frauen und Kinder) in Ostdeutschland und Mittel-/Süd-Ost-Europa eine Schreckens- und Leidenszeit. Als Sündenböcke für die Gräueltaten des NS-Regime mussten sie – nur weil sie Deutsche waren – die oftmals äußerst grausame Rache der Opfer erleiden, die sie aus ihren Häusern und Heimat vertrieben, ihnen allen Besitz wegnahmen, sie vergewaltigten, folterten, ermordeten und versklavten.

Martha Kent, geborene Schulz, lebt heute in Phoenix/Arizona in den USA. Sie arbeitet dort seit vielen Jahren als promovierte Neuropsychologin am Carl T. Hayden Veterans Affairs Medical Center mit Menschen, die an Kriegs-Traumata leiden.1)Carl T. Hayden Veterans Affairs Medical Center – http://www.phoenix.va.gov – abgerufen am 11.12.2007 Mit dieser Arbeit ist ihr die Umwandlung eines eigenen schweren Traumas in ein äußerst produktives Leben gelungen, um anderen in ähnlicher seelischer Situation zu helfen.

Martha Schulz wird zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in dem deutsch-polnischen Dorf Ulaski geboren. Mit Ende des Krieges gerät sie im Alter von 5 Jahren als so genannte „Volksdeutsche“ zusammen mit ihrer Mutter und den älteren Geschwistern in Potulitz bei Bromberg (heute: Potulice) in polnische Gefangenschaft. Vier Jahre lang lebt sie, meist getrennt von ihrer Mutter, in den Lagerbaracken dieses Arbeitslagers. (Etwa 35.000 Deutsche waren in Potulitz von 1945 bis 1950 interniert. Jeder 10. von ihnen kam dabei durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung ums Leben.)
1949 kommt die Familie Schulz frei. Sie fliehen in den Westen nach Hessen und wandern zwei Jahre später nach Kanada aus. Dabei werden sie als Deutsche immer wieder mit der national-sozialistischen Vergangenheit Deutschlands konfrontiert. Schließlich kaufen sie sich in Kanada einen Bauernhof und bauen sich eine neue Existenz auf.2)University of Illinois at Chicago, Rezension von Helga W. Kraft – http://www.dickinson.edu/glossen/heft20/kentrez.html – abgerufen am 11.12.2007

Über ihre Kindheit hinter Stacheldraht, ihr Heranwachsen in einem fernen Land, ihre Karriere als Psychologin und die Überwindung ihres Nachkriegstraumas hat Martha Kent ein Buch geschrieben, auf Englisch. Seit 2003 ist dieses Buch auch in deutscher Übersetzung (Klaus Kochmann) erhältlich, mittlerweile in der zweiten Auflage: Eine Porzellanscherbe im Graben. Eine deutsche Flüchtlingskindheit.

Quellen   [ + ]

1. Carl T. Hayden Veterans Affairs Medical Center – http://www.phoenix.va.gov – abgerufen am 11.12.2007
2. University of Illinois at Chicago, Rezension von Helga W. Kraft – http://www.dickinson.edu/glossen/heft20/kentrez.html – abgerufen am 11.12.2007
Danke! You've already liked this
0 Kommentare