Deutsches Kulturerbe

In dem Heft „Polen – Städte und Kulturerbe“ wirbt die Polnische Tourismusorganisation mit „Baudenkmälern, die sich weltweit mit anderen messen können“, einige darunter befinden sich mittlerweile auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste. Wieviele dieser Sehenswürdigkeiten sind aber wirklich polnisch bzw. polnischen Ursprungs? Wie werden sie in dem vorliegenden Heft historisch verortet?

Polnisches und deutsches Kulturerbe

Wie bereits in dem Heft „Polen“ (Polen liegt näher als man denkt) tragen auch in dieser Tourismus-Broschüre die Seiten zu den polnischen Städten Warschau und Krakau den deutschen Namen in den Überschriften. Bei der historisch-deutschen Stadt Breslau prangt dahingegen der polnische Name „Wroclaw“ im seitlich angebrachten Titel. Wie in vielen geschichts-harmonisierenden Darstellungen wird auch hier (Seitenzahlen gibt es in diesem Heft nicht) so getan, wie wenn es in Breslau üblich gewesen wäre, dass sich verschiedenste Volksgruppen die Türklinke in die Hand gaben.

Einst hieß es von Wroclaw (Breslau), es sei „Europas heilige Blume, die schöne Zier unter den Städten“. Das weckte Begehrlichkeiten. Und so ging es von Hand zu Hand. Mal war es polnisch, dann böhmisch, österreichisch, ungarisch und deutsch.Polen – Städte und Kulturerbe1)Polnische Tourismusorganisation, www.polen.travel/de

Diese geschichtsklitternde Zusammenfassung zu Beginn der touristischen Informationen über Breslau verschweigt nicht nur die Vertreibung der Schlesier aus Breslau, sondern auch dass Breslau nach der Zerstörung durch die Mongolen 1241 als deutsche Stadt neu gegründet wurde und spätestens da etwaige „polnische Spuren“ verlor. Zudem ist es zeitlich gesehen falsch „polnisch, dann böhmisch“ zu schreiben, denn die historischen Ursprünge Breslaus gehen auf Wratislaw I. von Boehmen (um 900) zurück. Diesen historischen Ablauf der Geschichtes Schlesiens hat ja selbst Wikipedia mittlerweile erkannt.2)http://de.wikipedia.org/wiki/Schlesien – abgerufen am 10.03.2012
Polen hatte zwar einige Zeit in heftiger Auseinandersetzung mit Böhmen gewaltsam versucht, „Schlesien“ der polnischen Krone einzuverleiben, dies misslang aber letzten Endes stets. Mit anderen Worten, Schlesien war nie wirklich polnisch geworden. D.h. selbst just in dem Moment, als aufgrund des Glatzer Pfingstfriedens Böhmen vertraglich auf die Oberhoheit über große Teile Schlesiens zugunsten Polens verzichtete (1137), zerfiel das polnische Königreich nach dem Tod von Bolesław III. Schiefmund in relativ selbständige Herzogtümer (1138). In Schlesien herrschten im Folgenden dann auch nicht „polnische Piasten“ sondern „schlesische Piasten“, die mehr deutsches als polnisches Blut in sich trugen und sich eindeutig zum Deutschen Reich hinwandten. (Vgl. auch Wiedergewonnene Gebiete? – Teil 1)

1202 ist ein wichtiges Jahr in der polnischen und schlesischen Geschichte. Damals endet das Seniorat und damit die Einheit Polens in staatsrechtlicher Beziehung. Die einzelnen Teile werden selbständig, so auch die beiden schlesischen Herzogtümer, das Herzogtum Schlesien und das Herzogtum Oppeln. Nach 120 Jahren wird Polen wieder geeint, aber ohne Schlesien.Die Herrschaft der schlesischen Piasten3)http://www.schlesien-bonn.de/seiten/geschichte/schlesische_geschichte/II_herrschaft.htm – abgerufen am 10.03.2012

Sehr fragwürdig und vor allem anachronistisch mutet die Formulierung an, bei der „Hanse“ (1387–1474 war Breslau als Mitglied in dieser Handelsvereinigung verzeichnet) handele es sich nicht nur um einen norddeutschen, sondern auch um einen schwedischen und polnischen Städtebund. Bei Wikipedia steht lediglich, dass es sich um eine“ Vereinigungen niederdeutscher Kaufleute“ handelte.4)http://de.wikipedia.org/wiki/Hanse – abgerufen am 10.03.2012 Das Buch „Die Hanse und Polen“ von Roland Gehrke wäre dazu evtl. lesenswert. Interessant ist, dass „einziges nichtstädtisches Mitglied“ der Hanse der Deutsche Orden war – „ein von Ordenrittern geführter Flächenstaat“ (Wikipedia).
Der Deutsche Orden wird in der Tourismusbroschüre mit einem kleinen Foto der imposanten Marienburg und in einem kleinen Absatz über „Polen und seine Ritter“ erwähnt. In dem Text wird behauptet, Polen hätte den Deutschen Orden zur „Verteidigung von Polens Grenzen gegen heidnische Stämme ins Land gerufen“, wobei er sich „rasch zu einer mächtigen Gefahr für das Gastland“ entwickelt haben soll. – Erstaunlich, wie viel historische Verdrehungen sich in einen Satz hineinpacken lassen…

Bemerkenswert adäquat stellt dahingegen folgender kurze Absatz auf Wikipedia den Beginn des Deutsch-Ordens-Staat im Baltikum, nördlich von Polens Grenzen (also definitiv nicht „in Polen“) dar:

1226 rief der polnische Herzog aus dem Geschlecht der Piasten, Konrad I. von Masowien, den Deutschen Orden zu Hilfe in seinem Kampf gegen die Prußen um das Kulmerland. Nach den misslichen Erfahrungen mit Ungarn sicherte sich der Deutsche Orden diesmal juristisch ab. Er ließ sich von Kaiser Friedrich II. mit der Goldenen Bulle von Rimini und von Papst Gregor IX. mit der Bulle von Rieti garantieren, dass nach der Unterwerfung und Missionierung des Baltikums, also der Prußen, das eroberte Land an den Orden fallen sollte. Auf sein Drängen erhielt der Orden zudem die Zusicherung, man werde als Souverän dieses Gebietes nur dem Papst, aber keinem weltlichen Lehnsherrn unterstehen. Konrad I. von Masowien überließ dem Orden nach längerem Zögern 1230 im Vertrag von Kruschwitz „auf ewige Zeit“ das Kulmerland. Der Deutsche Orden betrachtete diesen Vertrag als Instrument zur Schaffung eines selbstständigen Herrschaftsgebietes in Preußen.Konzentration auf Baltikum und Ostkolonisation5)http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Orden#Der_Staat_des_Deutschen_Ordens – abgerufen am 10.03.2012

Die Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Orden, insbesondere die „Schlacht von Tannenberg“ 1410, sind in Polen zum absoluten Volksmythos geworden. Ungeklärt ist in einigen Punkten allerdings noch die Frage, wie die (polnische) Gegnerschaft gegen den durch kaiserliche und päpstliche Bullen legitimierten Deutschen Orden im Baltikum rechtlich in die damalige Zeit einzuordnen ist.

Quellen   [ + ]

1. Polnische Tourismusorganisation, www.polen.travel/de
2. http://de.wikipedia.org/wiki/Schlesien – abgerufen am 10.03.2012
3. http://www.schlesien-bonn.de/seiten/geschichte/schlesische_geschichte/II_herrschaft.htm – abgerufen am 10.03.2012
4. http://de.wikipedia.org/wiki/Hanse – abgerufen am 10.03.2012
5. http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Orden#Der_Staat_des_Deutschen_Ordens – abgerufen am 10.03.2012
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