Briefwechsel katholischer Bischöfe 1965

Nach Abschluß des II. Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) wird ein Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Kollegen veröffentlicht. Der darin enthaltene zentrale Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ wurde zu einem wichtigen Leitmotiv der christlichen Versöhnung zwischen Polen und Deutschen.

von Georg Friebe

Ohne Frage war der Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder1)18.11.1965 Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder unter „schwierigen politischen Bedingungen“ ein mutiger Schritt, was die darauf folgende Kampagne von kommunistischer Partei und Regierung Polens zeigte.

Bis auf den bis heute immer wieder zitierten Schluß: „In diesem allerchristlichsten und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“ ist dieser Brief indes so gut wie unbekannt.

In einem historischen Rückblick wird der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Kultur und Kunst gedacht: Die Werke von Veit Stoß (Wit Stwosz) sind alle vom Genius loci der polnischen Umgebung inspiriert. Niemand macht unserer großen Landesheiligen Hedwig (Jadwiga) den Vorwurf, daß sie deutschen Geblütes war. Die Preußen, hervorgegangen aus dem Siedlungsgebiet der ‚Kreuzritter’, hätten alles Deutsche in polnischen Landen in allgemeinen Verruf gebracht. Von Albrecht von Preußen wird über Friedrich II. (Haupturheber der Teilung Polens) und Bismarck eine Linie gezogen zu Hitler (als Endpunkt). Die deutsche Okkupationszeit übersäte Polen mit Konzentrationslagern; sechs Millionen polnische Staatsbürger, darunter der Großteil jüdischer Herkunft, verloren ihr Leben; die führende polnische Intelligenzschicht wurde einfach hinweggefegt. Das beiderseitige Verhältnis sei immer noch stark belastet, vor allem durch das heiße Eisen der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße. Zwar wird das Leid der Millionen von Flüchtlingen und vertriebenen Deutschen genannt, aber es wird dem alliierten Befehl der Siegermächte – Potsdam 1945! zugeschrieben. Die Westgebiete seien für Polen eine Existenzfrage.

Wenn man die Inhalte dieses Briefes zur Kenntnis nimmt, dann drängt sich unweigerlich die Frage auf: Wofür eigentlich bitten die polnischen Bischöfe um Vergebung?

In einem offenen Antwortschreiben (veröffentlicht am 13. 1. 1966 in „Dziennik Polski“) auf einen Brief, in dem die Belegschaft der Solvay-Werke den Erzbischof von Krakau wegen des Briefes des polnischen Episkopats an die deutschen Bischöfe angegriffen hatte, betonte Kardinal Karol Wojtyla zur Rechtfertigung, „daß die polnischen Bischöfe in ihrem Brief vor allem eine lange und unmißverständliche Liste von Unrechtstaten vorlegen, die unsere Nation seitens der Deutschen im Laufe der Geschichte erfahren hat“, und daß sie „mit ganzer Entschiedenheit das Recht der polnischen Nation auf die Westgebiete mit der Grenze an Oder und Neiße betonten“. Das „Recht der polnischen Nation auf die Westgebiete“ hätten sie begründet „mit einem fundamentalen sittlichen Prinzip: mit dem Lebensrecht einer Nation“. Das „Lebensrecht“ der Millionen vertriebener Deutscher wird nicht einmal als Problem angedeutet. Von diesem Standpunkt ist weder der spätere Papst noch der polnische Episkopat bis heute abgerückt.

Nachdem heftiger Unwille auch unter den polnischen Katholiken über den Brief ihrer Bischöfe aufgekommen war, ließen diese am 10. Februar 1966 einen Fastenhirtenbrief verlesen.2)Hirtenbrief der polnischen Bischöfe vom 10. Februar 1966 Darin wird nur noch „unser verzeihendes Wort“ erwähnt: Es wird denen gewährt, „die ihre Schuld einsehen“ und „die verstehen, daß die (West)Gebiete … nicht nur die alten piastischen Gebiete unserer Väter sind, sondern auch eine Notwendigkeit für unsere Existenz darstellen“. Die „polnische Nation“ habe mit „Sicherheit“ keinen Grund, „die Nachbarn um Vergebung zu bitten“. „Wir sind überzeugt, daß wir als Volk durch die Jahrhunderte dem deutschen Volk keinerlei politisches, wirtschaftliches oder kulturelles Unrecht angetan haben … Wenn sich nur ein einziger Pole als unwürdig erwiesen hätte, erst dann hätten wir Anlaß zu sagen: ‚Wir entschuldigen uns’“. Auch diese Verkündung haben die polnischen Bischöfe nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes nicht revidiert. Die Erklärung gilt auch heute noch.

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