Spionageheld des 2WK bleibt unbekannt

Die englische TIMES berichtete am 13. Februar 2010 über den deutschen „Agent Knopf“, der England durch ein polnisches Spionagenetz mit kriegsentscheidenden Informationen beliefert haben soll. Der Bericht basiert auf den Erkenntnissen des Cambrigde-Gelehrten Paul Winter. Da die Archive des englischen Geheimdienstes jedoch verschlossen bleiben, wird die wahre Identität dieses hochrangigen deutschen Offiziers wohl nie bekannt werden. Potsblits hat den Bericht ins Deutsche übersetzt.

Enthüllte Dokumente offenbaren Spion, der Informationen über Hitlers Geheimnisse lieferte1)TIMES Online, Uncovered documents reveal spy who fed information on Hitler’s secrets, URL: http://www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/article7025406.ece – Übersetzung aus dem Englischen durch Potsblits, abgerufen am 15.02.2010

Wie kürzlich entdeckte Geheimdienstdokumente offenlegten, erhielt der MI6 [Anm. „Military Intelligence, Section 6, der britische Auslandsgeheimdienst] wesentliche Informationen von einem Spion, der im Herzen von Hitlers Oberkommando während der entscheidensten Jahre des Krieges wirkte.

Der Geheimagent mit dem Codenamen „Knopf“ versah den Geheimdienst mit Informationen über Hitlers Pläne im Mittelmeer und an der Ostfront, über die Gesundheit von Feldmarschall Erwin Rommel und sogar über die Lage der Wolfsschanze – das Führer-Hauptquartier in Ostpreußen.

Historiker haben dazu tendiert, die Rolle des MI6 während des Krieges herunterzuspielen – im Gegensatz zu der entscheidenden Bedeutung der dekodiertern Nachrichten in Bletchley Park. Doch die Entdeckung von Agent Knopf durch den Cambridge-Historiker Paul Winter zeigt, dass England genaue und sehr wertvolle Erkenntnisse durch ein Agentennetzwerk in den obersten Rängen des Dritten Reiches erhielt.

Ein noch erhaltener Bunker der Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreußen
Ein noch erhaltener Bunker der Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreußen (Foto: Potsblits)

Die Dokumente, die in den Churchill-Archiven in Cambridge und den Staatsarchiven entdeckt wurden, zeigen, dass Knopf und seine Vertreter den britischen Geheimdienst über deutsche Pläne zur Invasion auf Malta im Jahre 1942 alarmierten, Rommels Vorhaben in Nordafrika weiterleiteten und Hitlers verhängnisvolle Besessenheit, Stalingrad an der Ostfront einzunehmen, offenlegten.

Der Führer hatte sich festgelegt, Stalingrad um jeden Preis einzunehmen, berichtete Knopf. Hitlers verheerender Angriff auf die russische Stadt, die zur Zerstörung der deutschen 6. Armee führte, wird als Wendepunkt im Krieg betrachtet.

Anfänglich wurde Agent Knopf vom polnischen Sicherheitsdienst rekrutiert. 1940 willigte die polnische Exilsregierung in London ein, alle Geheimdienstakten dem Secret Intelligence Service [SIS], besser bekannt als MI6, zu übergeben. Damit wurde England für den Rest des Kriegs mit einem stetigen Strom von Informationen hoher Qualität versorgt.

Die Archive des MI6 bleiben verschlossen und die wahre Identität von Agent Knopf wird wohl nie bekannt werden, doch die jüngst entdeckten Dokumente weißen darauf hin, dass der Starspion ein Deutscher mit Zugang zu hochwertigen militärischen Informationen war.

Ein britischer Geheimdienstbericht bemerkt: „Die Quelle, die die Polen sehr wertvoll erachten, ist selbst kein Pole. Er hat seine Informanten nicht näher angegeben, doch sagt, dass sie hochrangig sind und in Kontakt mit dem deutschen Oberkommando.“

Dr. Winter sagte: „Die Entdeckung von Agent Knopf und seine Mitagenten zeigt zum ersten Mal, dass Englands SIS während der kritischsten Phase des Krieges einen einzigartigen Zugang zu deutschen operativem und strategischen Denken gewann. Wir mögen nie ihre wahre Identitäten bzw. Schicksale erfahren, doch ihre Kühnheit und ihr Mut sind ohne Zweifel überragend.

Der Verantwortliche, der die Verbindung zwischen polnischem und britischen Geheimdienst aufbaute, war Commander Wilfred „Biffy“ Dunderdale, der frühere MI6 Standorts-Leiter in Paris. Biffy Dunderdale, ein Freund von Ian Fleming, der damals im Marine-Geheimdienst arbeitete, war einer der Vorbilder für die Figur James Bond.

Dunderdale und MI6 waren hocherfreut über den genauen Nachrichtenstrom, der über den polnischen Geheimdienst in Whitehall ankam.

In einer Würdigung des Spions, geschrieben im April 1943 von Alan Brooke, der Leiter des Imperialen Generalstabs, wurde festgehalten, dass „Knopf sehr exakt den prinzipiellen Abriss der deutschen Sommeroffensive in Russland vorhersagte“. Viele seiner Berichte waren klar und sachlich und zeigten eine Detailgenauigkeit, die die Möglichkeit ausschloss, dass er in geheimdienstlichem Rätselraten schwelgte.“

Knopfs Berichte wurden sicherlich von Winston Churchill gelesen, und die Einsichten, die er vermittelte, haben die allgemeine Kriegsstrategie des Premierministers gestützt.

Knopf sandte seine Berichte offensichtlich drahtlos, da der Bericht über sein Werk durch MI14, das Kriegsbüro Sektion Deutschland, sich auf „Übermittlungsfehler“ wie z.B. falsch buchstabierte Namen bezieht.

MI6 war in der Lage, Knopfs Informationen zu bestätigen und versichert, dass er kein falsche Informationen liefernder Doppelagent sei, indem sie seine Berichte mit den von den Codeknacker von Bletchley Park entschlüsselten deutschen Nachrichten, die als „Most Secret Sources“ (hochgeheime Quellen) bekannt sind, gegenprüften.

Zwischen Februar 1942 und Februar 1943 belieferte Knopf seine Betreuer mit mindestens zehn verschiedenen Berichte über die deutsche Stategie und Vorgänge an der Ostfront, einschließlich des Datums von Hitlers Hauptoffensive gegen die Sowietunion und die Truppengliederung.

Überreste der Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreußen
Überreste der Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreußen (Foto: Potsblits)

Der Spion benannte auch die Lage der Wolfsschanze, Hitlers befestigtes, militärisches Hauptquartier an der Ostfront. Das Versteck war in den Wäldern Ostpreußens errichtet worden, im Vorfeld der Operation Barbarossa, die Nazi-Invasion der Sowjetunion. Hitler verbrachte hier zwischen 1941 und November 1944 viele Monate. Die Engländer vermerkten, dass Knopfs „genaue Informationen über … die Position von Hitlers Hauptquartier von den Most Secret Sources bestätigt würden.“

Während England dankbar mit dem polnischen Geheimdienst zusammenarbeitete, spionierte es im Geheimen die polnische Exilregierung aus, indem sie ihre Nachrichten abhörten und entschlüsselte. Diese abehörten Nachrichten lieferten zusätzlichen Beleg über Knopfs Wert und Verlässlichkeit als Spion.

Eine dieser abgehörten Nachrichten bezog sich auf „Geheimdienstagenten Nr. 594“, ein Netzwerk von polnisch geführten, eingeschleußten Agenten, die einen engen Kontakt zum Oberkommando der Wehrmacht (OKW) hatten. Es ist klar, dass „Geheimdienstagenten Nr. 594“ und „Knopf“ ein und derselbe sind.

Zum Beispiel, beide, „Knopf“ (übermittelt duch die Polen) und „594“ (im Geheimen abgehört durch die Briten) berichteten, dass Rommel, der deutsche Kommandeur der Achsenmächte in Nordafrika, zeitweise [nach Deutschland] zurück berufen worden war, aufgrund von gefährlichen Symptomen eines fehlerhaften Blutkreislaufs, der durch Überanstrengung und der afrikanischen Sonne hervorgerufen worden war“. Die Sprache in beiden Berichten ist identisch. Diese Agenten bewiesen ihren Wert am 19. Juni 1941, als ein Bericht bei der polnischen Regierung in London eintraf, der vor der unmittelbar bevorstehenden deutschen Invasion in der UdSSR warnte. Operation Barbarossa begann drei Tage später.

Dieselben Quellen informierten später den polnischen Geheimdienst, als die deutsche Offensive im Osten zu einem blutigen Stillstand kam. Hitler, berichteten sie, forderte, dass „weitere offensive Operationen in der Region um Stalingrad unternommen werden sollte, bis es kapituliert, und hinsichtlich der Eroberung der Stadt, sollten keine Verluste gescheut werden“.

Englands führende Geheimdienstler waren verständlicherweise nervös, dass Knopf ein Doppelagent sein könnte, doch eine interne Würdigung zeigt, wie viel Vertrauen MI6 in den Agenten hatte: „Es kann kein Zweifel bestehen, dass JX/Knopf [JX steht kurz für „polnische Quelle“] sehr gute Kontakte hatte und viele seiner Informationen korrekt sind… Knopf hat sich sehr selten zuschulden kommen lassen, Gerüchte oder Vermutungen weiterzuleiten.“ Historiker haben lange angenommen, dass „Human Intelligence“ nur eine kleine Rolle im Krieg spielten und „Signals Intelligence“, das Abhören und die Entschlüsselung von drahtlosen Informationen, der entscheidende Faktor sei. Dr. Winters Nachforschungen ergeben, dass England nicht nur hochrangige Agenten innerhalb des deutschen Oberkommandos hatten, sondern dass diese entscheidende Informationen lieferten.

Unvermeidbar wirft die Entdeckung zusätzliche Fragen auf.

Wo waren Knopf und seine Informanten? Wieviel Informationen wurden an die Alliierten Englands in Moskau und Washington geleitet und wie wirkte es sich auf die strategische Planung aus? Vor allem, was passierte mit Knopf und seinen Mitkonspiratoren?

„Historiker mögen nie die wahre Identitäten von ‚Knopf’/’Geheimagenten Nr. 594‘ erfahren noch warum sie ihr Leben riskierten, um für die Alliierten zu spionieren“, schreibt Winter in seiner Doktorarbeit. Wenn nicht MI6 entscheidet, seine Dokumente der Kriegszeit freizugeben, der unbekannte Spionage-Held des Zweiten Weltkriegs wird namenlos bleiben.

Quellen   [ + ]

1. TIMES Online, Uncovered documents reveal spy who fed information on Hitler’s secrets, URL: http://www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/article7025406.ece – Übersetzung aus dem Englischen durch Potsblits, abgerufen am 15.02.2010
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