8. Mai 1945 – Tag der Befreiung?

In dem Buch „Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland.“ schreibt der Autor Hubertus Knabe im Nachwort:

Während der Arbeit an dieser Darstellung ging eine Meldung durch die Medien, dass die NPD plane, am 8. Mai 2005 gegen die ‚Befreiungslüge‘ in Deutschland zu demonstrieren. Der Autor hat sich damals gefragt, ob er das Buchprojekt unter diesen Umständen nicht lieber ad acta legen sollte. Er hat diesen Gedanken jedoch wieder verworfen – und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen werden historische Sachverhalte nicht dadurch unrichtig, dass sie von unerwünschter Seite ebenfalls ins Feld geführt werden. Eine um Wahrheit bemühte Geschichtsschreibung kann sich nicht davon abhängig machen, ob andere die dargelegten Fakte möglicherweise für ihre, den Intentionen des Historikers zuwiderlaufenden Interessen benutzen. So wie man die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht deshalb verschweigen durfte, weil die SED sie im schrillen Propagandaton beständig, wenn auch einseitig anklagte, so kann man auch die kommunistischen Untaten nicht ignorieren, nur weil rechtsradikale Parteien sie an den Pranger stellen. Es wäre fatal, wenn ausgerechnet die NPD bewirken würde, dass sich die Bundesrepublik Deutschland das verlogene Geschichtsbild der SED zu eigen machte.

Zum anderen birgt gerade die Verdrängung schwieriger Themen die Gefahr in sich, dass sie extremistischen Parteien unverdienten Zulauf beschert. Wer die historischen Erfahrungen von Millionen Menschen tabuisiert, trägt dazu bei, dass diese nach anderen, für sie überzeugenderen Orientierungen suchen. Gerade wenn man die Rechtsextremisten zurückdrängen will, denen es immer auch um die Diskreditierung des demokratischen Neubeginns in Westdeutschland geht, darf man es ihnen nicht überlassen, die schrecklichen Seiten des Kriegsendes in Ostdeutschland anzusprechen. Die Neigung von Politik und Öffentlichkeit, gerade bei diesem Thema Information und Aufklärung durch vordergründige moralische Empörung zu ersetzen, wirkt vielfach kontraproduktiv und führt eher zu Trotzreaktionen. Dabei sprechen die Fakten doch für sich: Keine andere Politik hat Deutschland so schweren Schaden zugefügt als die der Nationalsozialisten.

[…]

So profan es klingt – in Deutschland muss man es immer wieder hervorheben: Die wichtigste Trennlinie des vergangenen Jahrhunderts verlief nicht zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus, sondern zwischen Demokratie und Diktatur. Nur durch die westlichen Alliierten gewann die Freiheit in Deutschland die Oberhand – zunächst im Westen und, nach dem Sieg der friedlichen Revolution, auch im Osten. Erst der Sturz der SED-Diktatur im Herbst 1989 brachte Ostdeutschland die Befreiung.1)Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Propyläen-Verlag, 1. Auflage, 2005.

Quellen   [ + ]

1. Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Propyläen-Verlag, 1. Auflage, 2005.
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