Erinnerungsschatten

Wofür würden Sie sich entscheiden, wenn Sie die Wahl hätten zwischen Pest und Cholera? – Dieses Dilemma im Spannungsfeld zwischen Befreiung vom Nazi-Terror und Unterwerfung unter Stalins Knute thematisierte Anne Will mittelbar als sie in ihrer jüngsten Talkshow danach fragte, ob wir Deutschen „70 Jahre nach der Befreiung“ heute noch der Roten Armee bzw. Russland dankbar sein müssen.

Erinnerungsschatten

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Seit 1985 wird in der Bundesrepublik verstärkt darüber diskutiert, ob der 8. Mai 1945 trotz der totalen militärischen Niederlage Deutschlands auch für uns Deutschen als ein „Tag der Befreiung“ betrachtet werden kann. Die ARD-Talkshow „Anne Will“ fokussierte hierbei anlässlich der traditionellen Siegesparade in Moskau am 9. Mai auf den Anteil der Roten Armee an der „Kapitulation des Deutschen Reiches“. Die Moderatorin erwähnte die jüngste Rede von Bundespräsident Gauck.1)Joachim Gauck, Rede zum 70. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltrieges im Schloss Holte-Stukenbrock (6.05.2015) Gauck gedenkt darin dem „aufopferungsvollen Kampf unserer ehemaligen Gegner in Ost und West“ und fordert Dankbarkeit dafür ein. Anne Will wollte nun von ihren Diskussiongästen wissen, wie Bundeskanzlerin Merkel eine solche Dankbarkeit zeigen sollte. Denn Angela Merkel wird zum 70. Feiertag nicht an der russischen Militärparade teilnehmen, sondern erst am 10. Mai mit Putin am Grab des unbekannten Soldaten einen Kranz niederlegen.2)Anne Will, 70 Jahre nach der Befreiung – Müssen wir Russland heute noch dankbar sein? (6.05.2015)

Die menschenrechtspolitische Sprecherin der CDU, Erika Steinbach, führte aus, dass mit dem Sieg der Roten Armee (aus mehreren Nationen bestehend, darunter auch polnische Einheiten) das Grauen in Europa nicht zuende war. Stalin habe die Menschenrechte ähnlich wie Hitler mit Füßen getreten. Frauen seien massenhaft vergewaltigt worden und die KZs östlich der Elbe seien sofort weiter benutzt worden. Die polnische Heimatarmee, die Hitler überlebt hatte, sei anschließend von Stalin eliminiert worden (entweder umgebracht oder in die Gulags verschleppt worden – und dort hätten die meisten auch nicht überlebt). So könne man selbst für die polnische Heimatarmee nicht von Befreiung sprechen.

Stalin war einer der schlimmsten Menschenrechtsverbrecher die es gegeben hat, gemeinsam mit Hitler … sie stehen sich in gar nichts nach.Erika Steinbach, 6. Mai 2015

Marieluise Beck (Die Grünen, Mitglied des Petersburger Dialogs, seit 5.05.2015 im Vorstand) unterstrich auf der einen Seite, dass Stalin bereits 1937/38 fast alle sowjetischen Generäle und Offiziere habe ermorden lassen und als die sowjetischen Soldaten aus deutscher Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückkehrten, seien viele von Stalin in die Gulags gesteckt worden. Andererseits passte ihr offenbar der „Hitler-Stalin-Vergleich“ nicht wirklich und sie sagte in politisch korrekter Weise, dass nicht versucht werden dürfe, „den Vernichtungskrieg des Nationalsozialmus zu eskulpieren, minimieren… indem man auf Stalin verweist.“

Umgekehrt sollten die Verbrechen der Alliierten jedoch auch nicht relativiert werden, indem man auf die deutschen Verbrechen verweist. Ein solches Aufrechnen in „umgekehrter Richtung“ findet jedoch fortlaufend statt. Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy diagnostizierte anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2004:

Die eigenen Missetaten durch deutsche Missetaten zu verdecken, ist eine europäische Gewohnheit.Péter Esterházy, 20043)Péter Esterházy erhält Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Erika Steinbach, die kritiserte, dass Putin Stalin rehabilitieren möchte, ist der Auffassung, dass man Friede über den Gräbern besser schließen könne als bei einer martialischen Militärparade. Daran nehmen dieses Mal auch sämtliche europäischen Repräsentanten nicht teil.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler (ordentlicher Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin) hob hervor, dass es zur europäischen Solidarität gehören würde, die Distanz zur russischen Politik (Annektierung der Krim) deutlich zu machen. Die aktuelle russische Militärparade im Gedenken an den Sieg über den „Hitler-Faschismus“ sieht er als eine Art Kompensation für die Demütigungen und den Verlust der Großmachtstellung Russlands in den letzten zwei Jahrzehnten. Man könne den Russen aber momentan diese Genugtuung nicht zukommen lassen.

Warum sollte Angela Merkel einer „Waffenschau“ die Ehre erweisen, fragte Erika Steinbach. Wichtig sei der Respekt vor den Opfern. Dafür sei der Tag danach das richtige Zeichen. Am Denkmal des unbekannte Soldaten sei Angela Merkel den Gefallenen viel näher dran, als jene, die heute eine martialische Show abziehen.

Münkler meinte dazu, dass  Angela Merkel geschickt reagiert habe. Die in der DDR aufgewachsene Katja Kipping fand die Vokabeln „geschichtsvergessen“ und „respektlos“ dahingegen passender. An einem solchen zentrales historisches Ereignis nicht teilzunehmen sei höchst unklug, ein Affront, Beleidigung, Schlag ins Gesicht der Russen… Es ginge darum, wie das Verhalten der deutschen Bundeskanzlerin in der russischen Öffentlichkeit ankommen würde. Kipping forderte, dass der 8. Mai in Deutschland – so wie er es bereits in der DDR war – zu einem Gedenk- und Feiertag erklärt wird. „Das wäre das richtige Zeichen, was wir hier in Deutschland setzen sollten.“

An dieser Stelle hätte man Frau Kipping fragen können, warum sie mit ihren Ausführungen eher einer – in der Diskussions-Runde geschmähten –  „Achse Berlin-Moskau“ das Wort redet, anstatt sich solidarisch mit den europäischen Politikern, darunter Angela Merkel, zu zeigen. Kipping echauffierte sich auf jeden Fall darüber, hinsichtlich des Ukraine-Konflikts „der anderen Seite“ (Putin) zugeordnet zu werden. Das erinnere sie an Zeiten des Kalten Krieges. Was sie fordere, seien mehr Stimmen der Besonnenheit und keine einseitigen Schuldzuweisungen (gegenüber „nur einer Person /Seite“), die analytisch falsch seien.

Frau Kipping, warum wenden Sie dieses Prinzip nicht auch auf die Bewertung des Zweiten Weltkriegs an? Hier weisen Sie (und andere) doch fortlaufend in einseitiger (und analytisch falscher) Weise die Schuld „nur einer Person“ (Hitler) bzw. „nur einer Seite“ (Deutschland) zu. Lange Zeit wurde auch der Erste Weltkrieg ebenso einseitig Deutschland zur Last gelegt. Ganz plötzlich fingen dann (Mainstream-)Historiker „im In- und Ausland“ an, die historischen Quellen anders zu interpretieren!

Zum Ende der Diskussionsendung lieferte Heribert Münkler noch einen Schlüssel für das Verständnis Putins bzw. seiner Politik: Putin hätte begriffen, dass Nato-Mitglied nur werden könne, wer keine territorial offenen Fragen habe. Putin habe in Georgien und in der Ukraine territorial offenen Fragen geschaffen. D.h. Wunden, die verhindern, dass diese Länder Nato-Mitglieder werden können. Russland sei aggressiv aus defensivem Bewusstsein heraus gewesen – nicht um ein Großrussisches Reich zu schaffen.

Quellen   [ + ]

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