Pforzheimer Schlesier feiern 60-jähriges Jubiläum

Ein frohes Fest feierte die Pforzheimer Ortsgruppe der Landsmannschaft Schlesien am Samstag anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens. Am 7. Mai 1949 hatten sich heimatvertriebene Schlesier, ähnlich wie in anderen deutschen Städten, in Pforzheim zur „Landsmannschaft Schlesien“ zusammengeschlossen. Auslöser war die „Rede der Hoffnung“ von US-Außenminister James F. Byrnes (6.09.1946), in der dieser klarstellte, dass die deutsch-polnische Grenze nicht auf der Potsdamer Konferenz beschlossen wurde, sondern erst auf einer zukünftigen Friedenskonferenz geregelt werden sollte…1)Die Rede der Hoffnung von US-Außenminister James F. Byrnes

1. Vorsitzender Christian Pietruszka
1. Vorsitzender Christian Pietruszka
(Foto: Potsblits)

Beim Festakt bemängelte der Fraktionsvorsitzende der CDU in Baden-Württemberg, Stefan Mappus, das geringe Interesse unserer Gesellschaft am Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen. Politische Kräfte in unserem Land hätten zu lange aus ideologischen Gründen die Diskussion darüber verhindert. Dabei hätten die Vertriebenen nie Vergeltung gesucht, sondern stets den Blick nach vorne gerichtet, wie es besonders in ihrer „Stuttgarter Charta“ vom 5. August 1950 zum Ausdruck kommt. Theodor Heuss (1884-1963), der erste deutsche Bundespräsident, hatte die Charta so auch als ein „Dokument der Weisheit und des Mutes“ bezeichnet. Mappus sicherte die fortdauernde finanzielle Unterstützung der Landsmannschaft Schlesien und für das „Haus der Heimat“ in Stuttgart zu.

Ich halte es für eine wichtige Aufgabe, die Geschehnisse um die Vertreibung der Deutschen als ein Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu begreifen, vor allem diese Geschichte an kommende Generationen weiterzugeben.Stefan Mappus MdL

Der neue Oberbürgermeister von Pforzheim, Gert Hager (SPD), dankte den vertriebenen Schlesiern, die nach ihrer Ankunft in dem vom alliierten Bombenterror völlig zerstörten Pforzheim mit allen Kräften halfen, diese „Goldstadt“ wieder aufzubauen. Er sprach sich für eine „zukunftsgerichtete Weiterführung“ des „Haus der Landsmannschaften“ in Pforzheim-Brötzingen aus.

Günther Zimmermann, der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien in Baden-Württemberg2)Landsmannschaft Schlesien in Baden-Württemberg, sieht eine Sehnsucht der Charta von 1950 in Erfüllung gehen: in einem Jahr werden die heimatvertriebenen Schlesier quasi „in ihre Heimat zurückkehren können“ – auch wenn diese nunmehr „polnisch“ ist, betonte er in seinem Grußwort. Ab 2010 können nämlich alle europäischen Bürger, auch die deutschen Heimatvertriebenen, in Schlesien Grund und Boden erwerben. – Allerdings sind mehr als 70% der Erlebnisgeneration zwischenzeitlich fern der Heimat verstorben…

Seit einer gewissen Zeit beobachtet Günther Zimmermann ein Phänomen: Junge Polen in Schlesien sind nicht nur an der Geschichte „ihrer Heimat“ interessiert, sondern sie möchten auch die schlesischen Mundarten erlernen, die die Deutschen dort vor ihrer Vertreibung gesprochen hatten. Die schlesische Landsmannschaft unterstützt dieses Bestreben durch eine kulturelle Breitenarbeit in Form von Seminaren und Bildungs- und Begegnungsreisen.

Silesia Girls
Silesia Girls Pforzheim
(Foto: Potsblits)

Ein Highlight der Festveranstaltung im Bürgerhaus auf dem Pforzheimer Buckenberg war der Vortrag von Dr. Siegfried Schoch über die Beziehungen zwischen Württemberg und Schlesien. 1647, noch während des 30-jährigen Kriegs, heiratete Silvius Nimrod Herzog von Württemberg die Schlesierin Elisabeth Marie Herzogin von Oels. Von 1647 bis 1652 war Johannes Scheffler – der spätere „Angelus Silesius“ – sein Leibarzt… Umgekehrt gab es aber auch Schlesier, die in Württemberg Erfolgsgeschichte schrieben. So z.B. der Literaturkritiker Wolfgang Menzel aus Waldenburg in Niederschlesien, der „Reich-Ranicki“ des 19. Jahrhunderts. Oder auch Karl Ludwig Zahnt, der in Stuttgart für den württembergischen König Wilhelm I. (1781-1864) ein Lustschloss baut, der heutige zoologische Garten „Wilhelma“.

Schlesien lebt – besonders pulsiert es nunmehr in Pforzheim im Schwarzwald. Die Pforzheimer Schlesier bilden die fünftgrößte Ortsgruppe in Baden-Württemberg (nach Reutlingen, Stuttgart, Heidelberg und Esslingen). Gemäß dem Vorsitzenden Christian Pietruszka zählt sie momentan etwa 120 Mitglieder, wobei auch einige einheimische Pforzheimer dazugehören.

Weiterführende Hinweise

Quellen   [ + ]

1. Die Rede der Hoffnung von US-Außenminister James F. Byrnes
2. Landsmannschaft Schlesien in Baden-Württemberg
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